Jazziger Urgewalt folgten Blitz und Donner – Hargrove Quintet in der Semperoper

Rezensionen

Jazziger Urgewalt folgten Blitz und Donner – Hargrove Quintet in der Semperoper

Jazz ist nicht nur Baumwollfeld und auch nicht nur der einstige Sündenpfuhl New Orleans. Jazz war und ist immer auch Lebenslust, gierig körperhaft, auf Teilen und Mitteilen aus, auf Probieren, Ausprobieren und auf Verlangen, will mit Berührtwerden und berührendem Sichausdrücken verbunden sein, hitzig, innig und tief. Ein dem Menschen der Jetztzeit anhaftender Urtrieb zum sinnhaften Daseinsbeweis.

Ein "vulkanartig eruptiver" Roy Hargrove (Foto: Matthias Creutziger)

Wer das angesichts von bis zum Sterilen geglätteter Unterhaltungskunst, die alles Experiment tunlich verhüten will, vielleicht schon so gut wie vergessen hat, durfte sich am Sonntag Abend beim „Jazz in der Semperoper“ mal wieder eines Besseren belehren lassen. Nicht nur, aber natürlich vor allem, weil das Roy Hargrove Quintet aus den USA zu Gast war. Der eben noch 40jährige Ausnahmetrompeter, hiesigem Publikum nach wie vor wohl eher als Geheimtipp angesagt, er füllte Parkett und Ränge gut, aber bei weitem nicht restlos. Eigentlich schade, denn diese von Semperoper, TU Dresden, MDR Figaro und Dresdner Neuesten Nachrichten veranstaltete Reihe dürfte längst blindes Vertrauen genießen – einen Fehlgriff gab es noch nie – und sollte aus guten Grund komplett ausverkauft sein.

Aus doppelt gutem Grund, denn eine Stunde vor Konzertbeginn und während der Pause gehört der Late Nite Jazz passend zum Spielzeitbeginn auch dem einheimischen Nachwuchs. In Kassenhalle, Seitenfoyers, Exedra und einstigem Kellerrestaurant gaben sich Studenten und Absolventen der Musikhochschule Carl Maria von Weber sowie des ihr angeschlossenen Gymnasiums ein klingendes Stelldichein. Schon hier viel Spielfreude und pralle Lebenslust. Die vier Saxofone des „Saxtet“ gelten als solide und fesselnd genug, um wiederholt mitwirken zu dürfen. Sie haben Haus und Theaterplatz erneut bestens beschallt; stillstehen konnte bei dieser Melange aus traditionellen und eigenen Kompositionen jedenfalls niemand.

Besinnlicher und artifizieller ging es beim „Jessica Struch Quartet“ zu. Die junge Sängerin mit ihrer wandlungsfähigen Stimme gab Eigenes ebenso wie Bossa Nova zum besten, sie verband mit ihrer einfühlsamen Herrenrunde Rainer Maria Rilke ebenso wie Miles Davis mit vokalem Experiment. Ein noch textlose Nummer ließ gar an Yma Sumac denken, was bei Struchs Lehrerin sicher kein Zufall wäre. Einige Treppen höher verquirlten sich junge Wilde wie „Axiom“ und „Quartet No. 2“ miteinander. Auf der einen Seite vitale Klangmuster, überwiegend selbst komponiert, auf der anderen wohlfeiles Besinnen auf probate Vorbilder von früher. Hin und wieder gingen die Hörfetzen ineinander über und erfüllten in dieser Mixtur den Semperbau durchgehend als Gefäß der Musik. Von wegen Baumwollfeld!

Das Expressive und Ursprüngliche des „farbigen“ Jazz – der einst zu den New Yorker „Young Lions“ zählende Roy Hargrove brachte es mit seiner aktuellen Formation schier vulkanartig eruptiv zum hochtemperierten Klingen. Der im Oktober 1969 geborene Trompeter strahlt in traumwandlerischer Sicherheit durch kraftstrotzende Passagen, kann seinem Instrumentarium, neben der Trompete dem Flügelhorn, aber auch traumhaft sanfte Töne entlocken. Resultat ist dann ein Mix aus gefühliger Ballade und resolutem Herangehen an den Modern Jazz, dem immer wieder neue Kaskaden aus virtuosen Soli und perfekt verzahntem Ensemblespiel zu entlocken sind.

Allein das Zusammenwirken von Hargrove und Justin Robinson am Altsaxofon war ein berührend schreiendes Gedicht. Manche Strophen bliesen sich nur mit zwei und zwei Tönen einander an, gefolgt von Melodiebögen, die alle Worte der Welt zu beinhalten schienen. Auch die pianistischen Feinheiten, mit denen Jonathan Batiste geradezu verzückte, steckten voller Brillanz und Raffinesse, waren so witzig wie virtuos. Weit mehr als nur grundierend wurde der Kontrabass von Ameen Saleem auch mal unterhalb des Stegs behändelt und brachte percussive Metaphern ins Ohr. Auf solche Rhetorik konnte Schlagzeuger Montaz Coleman freilich verzichten, denn seine Klangwucht erschütterte, riss mit, bremste an sensiblen Stellen das tonale Liebesspiel umzärtelnd ein – bis es vom glänzenden Schalltrichter Hargroves wieder beinahe stählern vorangetrieben wurde. Sein energetischer Haushalt entlud sich nicht nur von der Bühne herab, sondern quoll auch mal quer durchs Parkett, von da in die lüsterne Höhe des Saals – und das ohnehin schon begeisterte Publikum war zutiefst fasziniert, entließ das Quintett erst nach einem Reigen aus Zugaben und staunte sich dann nicht schlecht in die Gewitternacht hinein, die diesem heißen Sonntag gefolgt ist.

Eine Textfassung des Artikels ist am 23. August in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

„Jazz in der Semperoper“

31. März 2011, 21 Uhr – Jazz Gala
Enrico Rava New York Days

12. Mai 2011, 21 Uhr – Jazz Special
The New Jack DeJohnette Group

15. Juni 2011, 21 Uhr – Jazz Special
Quartett Michel Portal / Louis Sclavis / Henri Texier / Christophe Marguet
feat. Guy Le Querrec

25.08.2010Rezensionen