Heiße Klänge, kühler See

Rezensionen

Heiße Klänge, kühler See

Sicher, der Erfolg von Open-Air-Produktionen ist vom Wetter abhängig; unlängst erst verregnete es den Besuchern der Felsenbühne Rathen die "Mariza"-Premiere (SZ berichtete). Mit dem Flehen um etwas Sonne hat es der Intendant des Mittelsächsischen Theaters nun aber eindeutig übertrieben. Schon bei der Generalprobe waren drei Darsteller des neuen Sommerspielstücks auf der Seebühne Kriebstein schlicht umgekippt, die Premiere dürfte – immerhin – als heißester Abend des Jahres im Gedächtnis des Publikums bleiben.

Eine Seefahrt, die ist lustig… Pittoreske Dramen mit Matrosen on und off stage (Fotos: Martin Morgenstern)

Während also Schwimmer seelenruhig die Seebühne auf der Talsperre Kriebstein umrundeten, halbnackte Halbstarke johlend und winkend auf Booten und Flößen vorbeidrifteten und dann und wann ein Vuvuzela-Choral übers Wasser schallte, widmeten sich die Schauspieler des Mittelsächsischen Theaters mit Hingabe dem "Cabaret". Das 1966 am Broadway uraufgeführte Musical erzählt die Geschichte eines amerikanischen Schriftstellers, der die letzten Tage der Weimarer Republik in Berlin verbringt und eine Liaison mit der Kabarettsängerin Sally Bowles eingeht. Seine Vermieterin, ein Fräulein Schneider, verlobt sich währenddessen mit einem jüdischen Obsthändler. Beide Beziehungen scheitern im politischen Wirrwarr des aufkeimenden Nationalsozialismus.

Wohl hat Marlit Mosler für Revuegirls wie Kabarettbesucher, für Matrosenliebhaber wie Zollbeamte ausdrucksstarke Kostüme entworfen; dass Obernazi Ernst Ludwig, den Andreas Jendrusch ein bisschen blass verkörpert, wieder mal einen schwarzen Ledermantel unter der scharlachroten Armbinde trägt, nun ja. Trotzdem hatte das Ensemble bei all den geschilderten Ablenkungen, die eine Freilichtbühne mit sich bringt, anfangs arg zu kämpfen, die authentisch schwüle, erotisch aufgeladene Stimmung des verruchten Großstadt-Kellerkabaretts zu transportieren. Wo es für Liza Minelli in der Oscar-prämierten Verfilmung des Stoffes genügte, in Nahaufnahme mit den Lidern zu zucken, musste Susanne Engelhardt als Sally ordentlich die Glieder verrenken und am Ende richtig laut werden, damit die Nachricht über den Bühnenrand ans Ufer und bis in die letzte Zuschauerreihe schwappen konnte. Die kleine Musiktruppe unter Jan Michael Horstmann tat ihrerseits, was sie konnte. Trotzdem: immer wiederkehrende Aussetzer der Mikrofone von Musikern und Darstellern sorgten quasi von der ersten bis zur letzten Minute für Unmut und sind nach sorgfältiger Fehlersuche zukünftig hoffentlich zu vermeiden.

Wuchs über sich hinaus: "Conférencier" Christian Weber

Was am Cabaret á la Kriebstein letztlich am meisten beeindruckte, waren die tänzerischen Einlagen der "Girls" in witzigen Choreografien von Ute Raab und die kompromisslose Interpretation des Conférenciers durch Christian Weber. Der Jungschauspieler wuchs an diesem Abend über sich hinaus, überspielte grandios die kleinen Längen, die Regisseur Michael Funke beim Zusammennähen der Einzelszenen übersehen hat, und verkörperte am besten diese zwiespältige Stimmung der Endzwanziger, Anfangdreißiger Jahre, die Vergnügungslust bis zur Hysterie, Verzweiflung und Melancholie einschließt.

"Cabaret". Musical von John Kander. 13.7., 16 Uhr; 22.8., 17 Uhr; 20., 21.8., 19 Uhr und 16., 17.7., 20 Uhr. (Mückenärmer sind die Nachmittags-, stimmungsvoller die Abendvorstellungen). Karten (17 Euro, ermäßigt 10 Euro) im Vorverkauf unter Tel. 03731/358235 oder zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn im Eingangsbereich der Seebühne. Sonnencaps, Fächer und Regenponchos werden gestellt. www.seebühne-kriebstein.de

Eine Druckfassung des Artikels ist am 12. Juli in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

13.07.2010Rezensionen