Der Ruf ist ein Fluch – Sieben Jahre Semperoper in Bildern und Texten

Rezensionen

Der Ruf ist ein Fluch – Sieben Jahre Semperoper in Bildern und Texten

Für Kinderaugen reicht ein Blick aufs Cover des Buches: Warum ist die Oper denn so schnell fotografiert, dreht die sich? In der Tat, die Semperoper ist als Hingucker auf dem Fünfpfünder mit reichlich Bewegungsunschärfe fixiert worden; wer will, kann da beinahe die Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II assoziieren. Immerhin der Gang zum Teatro alla Scala wäre damit schon mal angedeutet. Und sowieso der Titel des Schwergewichts: „Beständig ist nur der Wandel“ heißt das Konvolut, das der siebenjährigen Amtszeit von Intendant Gerd Uecker gewidmet ist.

Doch nicht nur das menschliche Auge, auch die Windungen dahinter wollen mehr als nur assoziativ weltstädtische Reize wahrnehmen und bewiesen haben. „Über-Regionale Ermunterungen aus der Semperoper“ lautet denn auch der selbstbewusste Untertitel dieses Kompendiums. Ueckers Chefdramaturgin Ilsedore Reinsberg zeichnet für Konzept und Redaktion des Buches verantwortlich und kann sich attestieren lassen, über die gemeinsamen sieben Jahre hinaus Bleibendes zusammengetragen zu haben.

Naturgemäß geht es zunächst einmal um die Person Gerd Uecker. Der 1946 geborene Münchner hat sich nach Klavier-, Dirigier- und Musikpädagogikstudium, einer Solorepetitorenstelle und seinem ersten Lehrauftrag in Köln von 1979 an der Bayerischen Staatsoper hochgearbeitet, wo er zuletzt als Operndirektor tätig war. Lehraufträge führten ihn quer durch Deutschland, nach Graz, Peking, Salzburg, Venedig und Zürich. Sein Auftakt in Dresden stand zunächst unter wechselvollen Vorzeichen: Noch waren die Spuren der Hochwasser vom Sommer 2002 nicht restlos getilgt, langwierig waren vor allem die sich daraus ergebenden finanziellen Konsequenzen. Wirklich tragisch war aber der plötzliche Tod von Maestro Giuseppe Sinopoli im April 2001. Der langjährige Freund Ueckers hätte als Generalmusikdirektor gemeinsam mit ihm in Dresden antreten und die erste Opernpremiere der Amtszeit herausbringen sollen. Doch wegen der Flut konnte Vorgänger Christoph Albrecht sein „Ring“-Vorhaben nicht vollenden – Willy Deckers „Götterdämmerung“ eröffnete quasi als Übernahme die erste Uecker-Saison – und obendrein mussten Haus und Orchester erst einmal ohne Musikchef auskommen. Dies, nebenbei, ist in der Geschichte der Sächsischen Staatskapelle allerdings kaum mehr als Seltenheit zu bezeichnen, sondern zum Uecker-Weggang gerade mal wieder aktuell.

Von allem Anfang an: Zwang zum Wandel

In einer kurzen Einführung „Wie alles begann“ kommt Uecker auch auf den Tod von Regisseur Herbert Wernicke zu sprechen. Mit ihm war für 2004 Alban Bergs „Wozzeck“ geplant, eine dann von Sebastian Baumgarten übernommene Produktion. Schon vor dem ersten Arbeitstag in Dresden war Gerd Uecker also aus mehreren Gründen gezwungen, die Beständigkeit seines künstlerischen Konzepts mit der möglichst flexiblen Bereitschaft zum Wandel zu pflegen.

Im Rückblick seiner sieben Jahre in Dresden leistet sich der scheidende Hausherr nun einen ganz persönlichen „Opernführer“, vom Umfang her beinahe ein Buch im Buch. Ein ganzes Kapitel voller „Marginalien zu den Premieren“, also zu sämtlichen Neuinszenierungen auf der großen Bühne des Semperbaus. Diese lesens- und dank eindrucksvoller Bebilderung durch Theaterfotograf Matthias Creutziger auch sehenswerte Übersicht dürfte einmal die Grundlage sein, wenn es gilt, Dresdens Opernschaffen zwischen 2003 und 2010 zu werten. Da mag es die eine und andere Produktion geben, die das Vorurteil vom Museum durchaus nährt. Da gab es Enttäuschungen wie „Fledermaus“, „Lustige Witwe“, „Carmen“, „Otello“ und „Il trovatore“, Belanglosigkeiten wie „Don Carlo“, „Die Liebe der Danae“, „Figaro“ und „Euryanthe“, aber auch Unvergessenes wie eben den „Wozzeck“ (trotz ebenfalls unvergesslichem Hundegebell), wie Harry Kupfers Zeitbild vom „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, Sebastian Baumgartens spannende Sicht auf „Peter Grimes“, Keith Warners bildgewaltige Interpretation von „Fausts Verdammnis“, Claus Guths Maßstäbe eher aufhebende denn setzende „Meistersinger von Nürnberg“, Nikolaus Lehnhoffs ästhetisch orientierte Inszenierung des „Rigoletto“, Johannes Schaafs dramatische „Tosca“ sowie in jüngerer Zeit der barocke Ausflug von Jens-Daniel Herzog zu „Giulio Cesare in Egitto“ und nicht zuletzt ein faustischer Schlusspunkt mit Gounods „Margarete“. Neben den einstigen Hausgöttern Wagner und Strauss hat das italienische Repertoire eine besondere Rolle gespielt, als exemplarisch für eine zeitgenössische Sichtung dieses Erbes hebt Uecker „Turandot“ und „La traviata“ hervor – beide Inszenierungen stammen von Andreas Homoki und verkörpern für den Intendanten „Brisanz und Zeitnähe“, wie „nie zuvor in dieser Klarheit formuliert.“

Noch fragwürdiger wird der museale Vorwurf aber bei einem Blick auf das Opernschaffen des 20. und 21. Jahrhunderts. Gewiss, an Uraufführungen mangelt es im Revier, doch was nützt ein Reigen vieler Novitäten, die als schamhafte Feigenblätter fungieren und in der Praxis keine Rolle spielen? Neben „Der gute Gott von Manhattan“ von Adriana Hölszky (2005) und „La Grande Magia“ von Manfred Trojan (2008) sowie eventuell noch der erstaunlich positiv aufgenommenen europäischen Erstaufführung von Jake Heggies und Terrence McNallys gläubig-kleisterndem „Dead Man Walking“ (2006) waren es vor allem Werke aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, die nachhaltig beeindruckten. Ob Othmar Schoecks „Penthesilea“, Paul Hindemiths „Cardillac“ (beide Opern in Dresden uraufgeführt) oder zuletzt Franz Schmidts „Notre Dame“ – hier sind klare Bekenntnisse zum Bildungsauftrag des Theaters im besten Lessingschen Sinne abgegeben worden, eingedenk der damit verbundenen Risiken, versteht sich. Mit Hans Werner Henzes „L’Upupa“ war das nicht sehr viel anders.

Noch weit mehr Wagnisse ging das Haus in Ueckers Amtszeit in der Spielstätte kleine szene ein; bis zur kürzlich erfolgten Schließung galt das geschichtsträchtige Haus an der Bautzner Straße als Experimentierfeld par excellence. Hier bekam das jugendliche Aufbegehren und Ausprobieren seine Chance. Wenngleich nicht immer die verdiente Aufmerksamkeit …

Ein Opernführer mit Anspruch – nicht nur auf Vollständigkeit

Dass in den zehn Kapiteln von „Beständig ist nur der Wandel“ – dieser Titel soll auf Heraklit zurückgehen, findet sich variiert auch in zahlreichen späteren Quellen – nicht nur die Oper eine Rolle spielt, sondern auch deren Interpretationsmöglichkeiten, die Arbeit mit dem Opernchor, experimentelles Schaffen, der Raum für Neues auch außerhalb der Semperoper (etwa im Festspielhaus Hellerau und in der Hochspannungshalle der Technischen Universität Dresden) und sowieso das Ballett, die Sächsische Staatskapelle und der Jazz in der Oper, das macht die Zeitzeugenschaft dieses Buches aus. Mehr noch, hier wird Erinnerungsarbeit geleistet, werden Statistiken aufbewahrt und bleiben Arbeiten, die auf den Moment der Bühnenpräsenz gerichtet waren, langfristig erhalten. Aber auch darüber hinaus, über das pure Memorieren hinaus werden Begrifflichkeiten von Leiblichkeit, Schönheit, Spiel und Wirklichkeit untersucht, wird der Blick auf Kooperationen und hin zu Jugendarbeit gewagt, kommen junge Menschen zu Wort, die in Opernprojekten ganz nah dran gewesen sind am Entstehen und Werden, die mit Staunen und Skepsis verfolgen konnten, was Opernarbeit ausmacht, wie auf den Welt bedeutenden Brettern die Kunst des Augenblicks entsteht – und wieder vergeht. Bildungsarbeit und -netzwerke sind dargestellt, Aufsätze zu Neuer Musik, zu Pädagogik, zu Masken, Schuld und Sühne finden ihren Platz.

Inmitten theoretischer Texte und opulenter Optik wird dem „Mythos Semperoper“ nachgespürt – und damit eine veritable Fortschreibung der bisherigen Dokumentationen zum Musiktheater in Dresden („Semperoper. Gottfried Sempers Opernhaus zu Dresden“ / „Szenen – Wechsel“) realisiert. Da geht im Schnelldurchlauf vom einstigen Hoftheater über die spektakuläre Uraufführungsstätte etwa von Richard-Strauss-Opern bis hin zur grandiosen Ruth-Berghaus-„Elektra“. Der Übergang von Hofoper zur Staatsoper allerdings scheint nur allzu verkürzt dargestellt, hier wäre mehr Mut zur Enthüllung von tiefdunklen Schatten am Platze gewesen.

Recht ausführlich wird immerhin die Nachkriegszeit dargestellt, in der Dresdens Oper vierzig Jahre lang ohne Semperoper auskommen musste. Die Wiedereröffnung 1985 und die sich daraus ergebenden Festtage „25 Jahre Neue Semperoper“ in Gerd Ueckers letzter Spielzeit resümieren Historie ebenso wie die alljährlichen Sinfoniekonzerte im Gedenken an Dresdens Zerstörung vom 13. Februar 1945. Keine Frage, dass Beethovens „Fidelio“ in der geradezu legendären Deutung durch Christine Mielitz hier eine ganz besondere Rolle zukommt. In diesem Zusammenhang wird auch das höchst engagierte Projekt „Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volkes war …“, dessen deutsche Erstaufführung 2004 in Dresden herauskam, beschrieben. Welch eine Huldigung an den geschundenen Geist dieses Ortes!

Damit zu tun hat gewiss auch „Das Signal von Dresden“, das sich Geschehnissen von 1989 widmete und im Februar 2010 Bezug auf den damaligen Herbst nahm.

Architektur – die Entsprechung von Raum und Inhalt

Wenn einleitend davon die Rede war, dass manche Menschen noch glauben, an Eintrittskarten für die Semperoper käme man sowieso nicht, dann mag das mit dem enormen Publikumsinteresse gleich nach der Wiedereröffnung des 1985 durch Architekt Wolfgang Hänsch projektierten Opernhauses liegen. Alle Welt war gespannt auf das neu errichtete Haus im alten Stil; ein viertel Jahrhundert danach regte der einstige Chefplaner ein körperhaftes Memorandum an: Schicksalsvögel und Bühnenschrott sollten neben der funktionalen Verbindung von Einst und Jetzt an die Brüche der Vergangenheit erinnern. Eine Realisation wäre zu wünschen! Nicht nur für die Oper, sondern auch der vergangenheitslüsternen Stadt.

Dass manches aus der reichhaltigen Operngeschichte der Nachwelt bewahrt bleibt, ist nicht zuletzt den Koproduktionen mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk zu danken. In den Staatskapelle und Staatsoper gewidmeten Editionen gräbt MDR Figaro in Zusammenarbeit mit dem Profil-Label von Günter Hänssler seit einigen Jahren Raritäten aus, deren Wert längst erkannt und mit Preisen gewürdigt worden ist. Allein die CD-/DVD-Box „Fritz Busch und Dresden“ erwies sich als Würdigung von unbeschreiblichem Wert und zugleich als Versuch einer Wiedergutmachung für den 1933 mit orchestraler Duldung vom Pult vertriebenen Dirigenten. Die zunächst einmal jüngste Hervorbringung ist eine Doppel-CD mit Christian Thielemanns gefeierter „Brautschau“ (F.A.Z.) zu Anton Bruckners Symphonie Nr. 8 in c-Moll. Der designierte Chefdirigent der Staatskapelle wird 2012 bekanntlich die momentane Kopflosigkeit des Orchesters beenden.

Vom Sinn des Theaters

Kunst. Macht. Reich. Nein, nicht so, sondern mit „Kunst macht reich“ ist ein weiteres Kapitel des Uecker-Nachrufs überschrieben. Sachsens Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst äußert sich darin ebenso wie ihr Vor-Vorgänger Hans Joachim Meyer und bekennt sich zu Investitionen für Kunst und Kultur, die keine Subventionen seien, sondern der „ideellen Wertschöpfung“ sowie dem „künftigen kulturellen Reichtum“ dienten.

Wie Recht sie hat, die Freifrau, das wird auch nochmal im Gespräch mit dem Verwaltungsdirektor der Staatsoper deutlich, der den Zusammenhang von Kunst und Geld analysiert. Mit einer Reihe von Aufsätzen, die Allgemeinplätzen kaum Raum bieten, schließt der Bild- und Textband. Gerd Uecker erweist sich hierin einmal mehr als kunstsinniger Bewahrer des Beständigen und Bejaher von Wandel.

Von nachhaltigem Nutzen dürfte nicht zuletzt der Anhang sein, in dem sämtliche Premieren der Ära Uecker zusammengetragen sind, das künstlerische Personal aufgelistet ist, zudem das komplette Repertoire einschließlich konzertanter Opern, die Uraufführungen der Staatskapelle, diverse Sonderveranstaltungen sowie Publikationen und Tonträger. Auch daher hat sich das Engagement der Stiftung zur Förderung der Semperoper gelohnt, von dem dieses umfangreiche Werk herausgegeben wurde.

Sie ist nicht schnell fotografiert, diese Oper. Sie dreht sich. Tatsächlich. Am 4. Juli beschloss „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss die Dresdner Ära von Intendant Gerd Uecker. Dieselbe Oper (in der 2000-er Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg) wird am 21. August die Intendanz von Ueckers Nachfolgerin Ulrike Hessler einleiten. Dresdens Wandel scheint tatsächlich in der Beständigkeit zu liegen.

 

Beständig ist nur der Wandel. Über-Regionale Ermunterungen aus der Semperoper – Intendanz Gerd Uecker 2003 bis 2010

411 Seiten, 29 Euro (Subskriptionspreis bis 31. August 24,80 Euro)

Dresden Buch, ISBN 978-3-9812287-5-5

05.07.2010Rezensionen