„Ich nenne es Afro-Romantik!“

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„Ich nenne es Afro-Romantik!“

Was für ein Energiebündel! Eben noch Kairo und Alexandria, dann tourt er via Dresden nach Frankreich, Marokko, Kanada und später nach Japan. Diese einzige Station in Deutschland wird den kubanischen Musiker Omar Sosa und sein Quintett am 10. Mai zum „Jazz in der Semperoper“ führen, ein Debüt, das von den Dresdner Neuesten Nachrichten gemeinsam mit MDR Figaro veranstaltet wird und vor Ort eine Reihe hochkarätiger Jazzkonzerte fortsetzt, für den Weltstar allerdings die erste Begegnung mit diesem klassischen Musentempel sein wird. Im Gespräch mit Michael Ernst verrät Sosa seine Vorfreude auf Dresden.

 

Foto: Matthias Creutziger

Mister Omar Sosa, Ihr „Afreecanos“-Konzert ist ein wenig als weltmusikalisches Multikulti-Ereignis angekündigt – wen dürfen wir denn erwarten, den Jazzer oder den Folkloristen?

 

Das ist eine gute Frage, die ich mir auch selbst manchmal stelle. Ich bin kein Jazzplayer im eigentlichen Sinne. Aber den Stil dieser Musik, die Philosophie des Jazz und die mit ihm verbundene Freiheit nutze ich, um die unterschiedlichen Einflüsse und kulturellen Hintergründe meiner Musik zu verbinden. Ich liebe die Improvisation und halte nichts von touristischem Gehabe, werde aber die Prägung durch Folklore niemals leugnen.

 

Wie würden Sie selber den daraus resultierenden Musikstil beschreiben?

 

Das ist ein Mix, eine Mixtur. Wir leben in einer Welt, die sich längst zu den großen Städte hin aufgemacht hat und von denen geprägt ist. In diesen Städten kommen die verschiedensten Menschen zusammen und bringen immer ein Stück ihrer ursprünglichen Kultur mit. Das reibt und vermengt sich. Was da herausragt, sind die Schönheiten dieser Kulturen. Ich selbst komme ja aus der afrokubanischen Tradition. In der steckt die klassische europäische Musikentwicklung ebenso mit drin wie die vielen, vielen Einflüsse aus den einzelnen Gegenden von Afrika. Allein in unserem Quintett musizieren ja Leute mit einem biografischen Spektrum aus Mali, Mosambik und dem Senegal. Wir trafen uns alle auf Kuba, leben aber heute in Nordamerika und Europa verteilt. Mir ist wichtig, all diese Traditionen zu respektieren. Wenn ich das in meiner Musik ausdrücken kann – ich nenne das gerne Afro-Romantik –, schaffe ich vielleicht eine neue Tradition.

 

Wie wichtig sind Ihnen dabei die Wurzeln der kubanischen Musik?

 

Ich denke, die afrikanische Musik wiegt da mehr als die kubanische. Von der gibt es ja das weitverbreitete Klischee des Buena Vista Social Club, aber das ist eben nur eine einzige Sicht. Die Quelle für das alles liegt in Afrika, damit versuche ich, unsere Kuba-Tradition zu verlinken. Was sich ja auch im Band-Namen widerspielt: Afreecanos meint eben nicht nur afrikanisch, sondern auch Freedom, Freiheit. Diese Freiheit brauchen wir überall in der Welt, selbstverständlich auch in Kuba, aber ebenso in uns selbst.

 

Da Sie „Buena Vista“ erwähnen – was halten Sie von Wim Wenders‘ Film und der durch Ry Cooder ausgelösten Renaissance des Latin Jazz?

 

Damit wurde ein wunderbares neues Licht auf Kuba geworfen! Dieser Film zeigt, wie wichtig Tradition ist. Wenn wir die respektieren und das alles lernen, was in ihr steckt, dann können wir darauf aufbauen und etwas Neues entwickeln.

 

Schauen Sie, der Jazz hatte in den 1940er und 1950er Jahren auf Kuba ja schon eine Blüte erlangt, die von der Revolution dann erst einmal abgebrochen wurde. Nun wird das im 21. Jahrhundert endlich wiederbelebt, das kommt spät, aber es kommt! Dafür sollten wir Wim Wenders unendlich dankbar sein. Und Ry Cooder sowieso, egal was der anfasst, das wird immer groß.

 

Wie sehr sind Sie mit Ihrer einstigen Heimat verbunden, immerhin haben Sie inzwischen auf den Umwegen Mallorca und San Francisco in Barcelona ein neues Zuhause gefunden …

 

Dafür gibt es nur einen einzigen Grund: Die Frauen, die Liebe. Deswegen bin ich so oft umgezogen und deswegen werde ich jetzt auch bald aus Barcelona weggehen. Diesmal allerdings gemeinsam mit meiner Frau und unseren beiden Kindern, wir werden nun nach Menorca ziehen.

 

Solche Wechsel haben viel für sich. Man lernt andere Kulturen kennen, andere Menschen, das kann sehr nützlich und befruchtend sein. Ich meine, für die Arbeit. Aber da bin ich sowieso viel unterwegs. Trotz aller Konzerte bin ich etwa einmal im Jahr in Kuba, wo die politische und wirtschaftliche Situation ja sehr eigen ist. Das Land ist im Wandel, ich erlebe es jedesmal neu.

 

Ist Ihnen bewusst, dass Sie in Dresden in einem Opernhaus auftreten werden?

 

Oh ja, natürlich! Ich habe gehört, dass dort auch schon Oscar Peterson ein Konzert gegeben hat – was für eine Ehre für mich! Normalerweise präsentiere ich meine Musik ja an anderen Orten, und nun kommen wir in eines der imposantesten Häuser der Welt, das ist wundervoll. In einer solchen Umgebung afrokubanische Musik zu spielen, das öffnet ihr gewiss neue Türen. Und den Menschen, die zu uns in die Oper kommen, werden wir einige Instrumente zeigen, die mit denen verwandt sind, die dort sonst zu hören sind. Einige haben ja durchaus afrikanische Wurzeln.

 

Also, wir freuen uns sehr auf Dresden. Es kann übrigens sein, dass ich vor etwa zehn Jahren schon einmal dort war, aber ich weiß es nicht mehr genau, mein Leben ist einfach zu schnell. Aber eins ist klar: Einen Auftritt in der Semperoper werden wir ebensowenig vergessen wie mein Konzert 2003 zur Eröffnung des neuen Saales in der Carnegie Hall.

 

CD-Tipps: Omar Sosa „Afreecanos“ (OTA1019) / Omar Sosa & NDR Bigband „Ceremony“ (OTA1021)

 

Jazz Special „AFREECANOS“ Omar Sosa Quintett

Montag, 10. Mai, 20 Uhr, Semperoper 

 

 

OMAR SOSA

 

  • geboren im April 1965 in Camagüey (Kuba)

  • beizeiten Schlagzeugunterricht, dann Wechsel von der Marimba zum Klavier, Studium in Havanna

  • starke Einflüsse durch die Musik von Thelonious Monk, erste Fusion-Projekte aus Jazz und lateinamerikanischer Musik

  • via Ecuador und Mallorca zog er 1995 nach San Francisco, war bald tonangebend im Latin Jazz und spürte verstärkt dessen afrikanischen Wurzeln nach

  • als Interpret ebenso vielfältig wie als Komponist (u.a. Orchesterstück „From Our Mother“, 2003 zur Eröffnung des Zankel-Saales in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt)

  • Dutzende CD-Veröffentlichungen als Solist, Bandleader oder Produzent, mehrfach Grammy-Nominierungen (u.a. „Mulatos“ 2006 als Best Latin Jazz Album)

10.05.2010Interviews