Der wollte doch nur spielen - Nigel Kennedy in Dresden
Der schief lächelnde gesetzlose Bandit, dessen Guarneri den Kolophoniumstaub mehrerer Jahre ertragen muss, inmitten eines Orchesters, das die Launen seines Brotgebers erträgt und ihn mit maschineller Exaktheit begleitet: Michael Endes schlimmster Albtraum wird von der Wirklichkeit des Nigel Kennedy übertroffen. Der Punk, der die Klassikwelt eine Generation vor Pop-Prinzessin Vanessa Mae und Modezar David Garrett durcheinanderschüttelte und schon mal mitten im Stück "Astooon Villaaaaa" grölt, hatte die Anarchie zur persönlichen Marke gemacht. Es waren und sind die Äußerlichkeiten, die Nigel Kennedys Konzerte dominieren, vom Springerstiefel bis zur Geigenbogenjonglage. Musikalisch von ihm neues zu erwarten hieße dieser Tage jedoch, die Ohren vor der Wirklichkeit zu verschließen. Kennedy ist ein Recycler, eine müde Marionette des Marktes geworden. Sucht man seinen Namen auf Youtube, findet man Jahre alte Konzerte, in denen er in genau denselben Klamotten genau dieselben Stücke spielt und davor und danach genau dieselben Witzchen macht. Nur gesundheitlich sieht der Mann da noch bedeutend besser aus.


Bittere Bilanz des Abends in Kennedys eigenen Worten, während eines vermasselten Solos leise zu seinen Musikern: "That was dreadful", das war zum Gotterbarmen. Immerhin, den obligatorischen Fußball kickt er auch in Dresden gut gelaunt ins Publikum. Allein: er zielt zu hoch, der Ball landet im Rang. Und dort sitzt: niemand.
Eine Textfassung des Artikels ist am 26. April in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen (Fotos: PR).
Tourplan:
30.04.2010 Mannheim Rosengarten
02.05.2010 Nürnberg Meistersingerhalle
17.07.2010 Freiburg Sektkellerei
24.07.2010 Hamburg Museum der Arbeit
25.07.2010 Neumünster Holstenhalle
Datum: 30. April 2010 | Autor: Martin Morgenstern | Kategorie: Rezensionen
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