Mit der Metro in die Hölle: Spohrs „Faust“ in Radebeul

Rezensionen

Mit der Metro in die Hölle: Spohrs „Faust“ in Radebeul

Faust kommt von unten, er will nach oben und landet in der Hölle. Auf diesen schönen Plot, vermischt mit ein paar Ungereimtheiten, Frauengeschichten, Mord, Suff und Sex, vor allem viel, viel Bühnennebel, schnurrt am Ende die große Romantische Oper „Faust“ von Louis Spohr zusammen, der man jetzt in Radebeul beiwohnen kann. Allein: der Versuch, die Musikgeschichte mit Blick auf überregionale Aufmerksamkeit zu überlisten, missglückt.

Spohrs 1816 in Prag unter der Leitung Carl Maria von Webers uraufgeführtes Werk, das sehr wenig mit Goethes Dichtung gemein hat, erwies sich trotz späterer Umarbeitung durch den Komponisten nicht bühnenwirksam genug. Andere Faust-Opern haben es verdrängt. Musikgeschichtlich mag das Werk interessant sein. Hört man doch in der Form des Singspiels à la Mozart, in den schon stark auf Weber weisenden größeren Ensembleformen, bei der Verwendung wiederkehrender Motive mag man gar an Wagner denken, viele Anklänge und Ahnungen folgender Erfolge, die aber leider anderen als Spohr vorbehalten bleiben.

In Radebeul mischte man zudem eine Fassung, die sowohl dem Singspielcharakter mit gesprochenem Dialog als auch der späteren durchkomponierten Variante mit Rezitativen folgt, was die ohnehin schwache Dramaturgie des Stückes durch stockende Pausen und holpernde Übergänge leider noch verstärkt. Mit ganzer Kraft stellt sich indes das Ensemble mit Solisten, Chor und Orchester unter der Leitung von Michele Carulli der Herausforderung und bietet eine höchst respektable Lektion mit hörenswertem musikhistorischem Material.

Gescheiterter Reanimationsversuch: hier geht Norman D. Patzke Hagen Erkrath an die Gurgel (Foto: PR)

Mit Norman D. Patzke ist ein jugendlich, lyrischer Bariton in der Titelpartie zu hören, dessen Gesang durchweg überzeugt. Hagen Erkrath singt den Mephisto als Bilderbuchteufel mit schlankem Bass, spannt eher unauffällig seine Fäden, um erst am Ende richtig aufzutrumpfen. Es gibt kein Gretchen, aber ein Röschen: Judith Hoffmann kommt geradewegs aus dem Schulmädchenreport, ist süchtig nach Faust und lässt Falk Hoffmann als ihren Beschützer Franz auf verlorenem Posten. Es gibt auch keine Helena, aber ein Kunigunde aus der Oberschicht, die ein gewisser Gulf und „Kunigundensammler“ gekidnappt hat. Faust befreit die Schöne, der Anna Erxleben recht explosive Töne gibt, killt ihren Gatten, den Grafen Hugo, Guido Hackhausen mit dramatischer Tenorattacke im Silberdress, ist endlich „oben“, wo das Geld wohnt, bei den Herren in grau mit Aktenkoffern und Handys, mit Frauen am Arm, die wenn der Alte an der Börse zockt in der Sauna so zarte Kerlchen wie das verklemmte Fäustchen in der Unterhose vernaschen. Der kann sich nicht entscheiden zwischen Gut und Böse, dem Teufel und den Frauen. Beide kriegen ihn nicht, Röschen greift zur Flasche, Kunigunde zum Rasiermesser, der Satan will ihn nicht mehr, Franz heißt der neue Kunde…

Regisseur Horst O. Kupich und Bühnenbildner Stefan Wiel lassen Teil eins im U-Bahntunnel spielen, an der Oberfläche spielt der zweite Teil in Fantasiegefilden, teils vor barockem Orgelprospekt oder Industriedesign der Erdölverarbeitung im Kampf mit der Natur. Endstation Hölle ist der Anfang eines Tunnels ohne Licht am Ende aus umgekippten Potenztürmen des Kapitals. Solchermaßen gewollte Aktualisierungen, die uns mit hoch erhobenem Zeigefinger ständig Bedeutsamkeit vermitteln, nutzen sich schnell ab. Kupichs Versuchen, dem romantischen Sujet mit Ironie beizukommen, das Spiel zu überhöhen, mangelt es an Schärfe und der hierzu nötigen Fähigkeit, allen Darstellern absolute Präzision zu vermitteln. Und irgendwann im Verlauf des immer länger wirkenden Abends fragt man sich, ob das nicht doch eine wunderbare Geschichte hätte werden können, mit einem Sänger in der Hauptpartie, der jung ist, natürlich und klischeefrei in der Präsenz. Könnte es uns nicht zutiefst berühren, wenn so einer einen wahrhaft verlorenen Verlierer spielt, sich in seinen Verirrungen und Verblendungen, kriminelle Energie eingeschlossen, schmerzhaft bloßstellt ohne auch nur ein Kleidungsstück ablegen zu müssen und eine wesentliche Frage der Romantik uns beim Verlassen des Theaters wirklich bewegte, „Ich weiß nicht was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin….“ Das Stück hätte es auch nicht gerettet, aber den Theaterabend etwas unvergesslicher gemacht und das Scheitern würdevoller.

Weitere Aufführungen: 11., 16., 30. 04.; 24.05.

Eine Textfassung des Artikels ist am 6. April in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abzudrucken.

06.04.2010Rezensionen