Fulminant und fragil – Festival Jazzwelten mit überwältigendem Start

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Fulminant und fragil – Festival Jazzwelten mit überwältigendem Start

Ein gutes Motto besteht auch durch sein Gegenteil. Das Festival „Jazzwelten“ hat sich in diesem Frühjahr dem Thema „fragilitas. Von der Zerbrechlichkeit des Seins“ verschrieben. Just zum Auftakt am 19. März war mit der Jerseyband ein Ensemble geladen, das so fulminant wie fragil gegen den Sandstein der Neuen Tonne anblies. Es werde laut, hieß es vorab. Wie eine Drohung klang das. Es wurde zwar laut, sehr laut sogar, doch sind sämtliche Dezibel zusammengerechnet nur die halbe Wahrheit dieses Konzertes. Die andere Hälfte setzte sich aus geballter Lust an musikantischer Virtuosität und theatralischer Bühnenpräsenz zusammen. Ein wahrhaft lauterer Klang!

Die Truppe aus den USA während ihres Europadebüts nach Dresden zu laden, war eine gute Idee. Das Septett hat (sich) aufgespielt, als gälte es, den letzten deutschen Winter restlos und entsprechend hitzig zu vertreiben. „Jazzwelten unkaputtbar“ lautete denn auch der treffende Titel des Abends. Knapp drei Stunden (!) lang wurden musikalische Shortstorys kurzweilig aneinandergereiht, deren Inhalt Musiker und Gäste gewiss sehr unterschiedlich deuten mochten; enormen Spaß hatten aber sämtliche Anwesende dabei. Kaskaden aus quicklebendigem Bläsersatz – ein Bariton- und zwei Tenorsaxofone, dazu eine Trompete – widersetzten sich jedweder Gravitation. Ihre Sets wurden umrankt von gewalt(tät)igem Schlagzeuggedröhne, Gitarre und Basslastigkeit. Das war so verrückt wie virtuos, so bombastisch wie brillant. Die kurzen Stücke waren von einer derart kraftvollen Dimensionalität, dass sich ausgewachsene Bigbands gewaltig anstrengen oder aber schamvoll verstecken müssten. Dieser Ausbund von Heavy Metal und Improvisation könnte einen Frank Zappa zum Leben wiedererwecken.

 

Foto: PR

Mit der Jerseyband sind aber keine jungen Wilden am Werke gewesen, die sich nur eben mal orgiastisch ausprobieren wollten, sondern grandiose Könner in lustvoller Verbundenheit. Namentlich die Bläsersätze – tonal ganz alte Schule – gelangen mit einer Spielfreude und nie nachlassender Energie, dass es dem Publikum manchmal den Atem verschlug. Beinahe jedes Finale aber entlud sich in Begeisterungsstürmen, denn aus dem Orkan der mit attackierenden Improvisationen versetzten Performance wurden fast alle Stücke abrupt beendet. Als würden die Automobile eines fernöstlichen Produzenten ganz ohne Bremsweg an massiven Felswänden geparkt.

Danach rieb man sich verdutzt Augen und Ohren, nur um zu erkennen, das Lied ist aus und vorbei. Hatte nicht eben der Drummer noch wie eine Dampflokomotive zur Eile gemahnt? Fuhren die Bläser nicht gerade auf, in perfektem Zusammenspiel neue Kapriolen zu meistern? Zupften die Gitarristen nicht eine aufsteigende Akkordfolge in den Rhythmus, dass Titel für Titel weitere Viertelstunden erhofft werden konnten? Weit gefehlt, das alles; die Jerseyband pulste sich virtuos durch alle Hürden und Senken, fädelte launig überraschenden Ulk aneinander. Vom Publikum wurde sie daher auch erst nach der zweiten Zugabe entlassen.

Manchen mag das genug gewesen sein. Andere hätten sich wohl noch mehr Musik dieser „unkaputtbaren“  Band gewünscht und erwartet. Doch die „Jazzwelten“ sind ja eben erst gestartet und bieten gewiss noch weitere Überraschungen. Das ziemlich lebhafte Septett setzte zudem die Reihe der Jubiläumskonzerte fort, mit denen die Festwoche „10 Jahre Neue Tonne“ im November vorbereitet werden soll. Entsprechend festlich war das Outfit der Mannen: Schulterfrei zumeist, in knielangen Trägerkleidchen. Das machte ihr furioses Konzert nicht fragiler.

21.03.2010Allgemein