Fragile Jazzwelten Ende März in der Neuen Tonne

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Fragile Jazzwelten Ende März in der Neuen Tonne

Nichts auf der Welt ist von Bestand. Schon gar nicht ein flüchtiger Ton der Musik. War es diese Selbstverständlichkeit, die den Machern des Festivals „Jazzwelten“ für den bevorstehenden Jahrgang das Motto „fragilitas. Von der Zerbrechlichkeit des Seins“ eingehaucht hat? Auf den ersten Eindruck stellt sich gerade beim Jazz nicht unbedingt der Gedanke an etwas Fragiles her. Insbesondere die freie Improvisationskunst kommt doch zumeist eher kraftvoll und nicht selten gar strotzend daher. Hinter den Kulissen des Jazzclub Neue Tonne hat man sich aber sehr wohl etwas bei der Themenwahl des 6. Festivals „Jazzwelten“ gedacht, das vom 19. bis zum 27. März das Existentielle des Genres, das eher fein Nuancierte besonders betonen soll.

Von wegen fragil: "Jerseyband"

Freilich setzt das Eröffnungskonzert mit der US-amerikanischen „Jerseyband“ ausgerechnet dem Begriff des Fragilen quasi die Narrenkappe auf. Denn die Mannen um Brent Madsen stellen die pure Kraft des Blaswerks dar, stammen aus der Heavy-Metal-Szene und wirken mit drei Saxofonen, einer Trompete und Schlagzug nicht nur kaum zerbrechlich, sondern regelrecht „unkaputtbar“, wie der Abend schon vorab überschrieben wird. Ein gewisser Kontrapunkt zum Thema, räumt auch Steffen Wilde ein, der seit Oktober als Künstlerischer Leiter der Tonne tätig ist und seine kundige Handschrift bereits im bevorstehenden Festivalprogramm hat einbringen können.

Mit Lorenz Raab aus Österreich steht auch der zweite Abend im Zeichen vitaler Blasmusik. Der Trompeter und Flügelhornist kommt aus dem Klassikbereich und verbindet seine Liebe zum Jazz nicht zuletzt mit alpiner Folklore, freilich jazzig verfremdet. Möglicherweise fragil wie Wiener Schmäh? Man wird sehen, wie das mit einem elektrisch verstärkten Hackbrett, dem Dulcimer, gelingt.

Fragile Sphärenklänge: Barbara Buchholz

Ein eher ungewöhnliches Instrument bringt auch Barbara Buchholz mit. Sie hat ihr Theremin, die sogenannte Ätherwellengeige, erst vor Jahresfrist in Dresden vorgestellt und wird es diesmal zu Overhead-Projektionen des Malers und Performers Pedda Borowski erklingen lassen. Das kaum bekannte Theremin gilt übrigens als das älteste elektronische Instrument und wird ohne Berührung gespielt. Berührend ist es dennoch, vor allem wegen der sphärischen Klänge, die im Schwingungskreis zweier Antennen erzeugt werden, während die Hände der Interpretin scheinbar magisch in der Luft schweben.

Bei der Posaune geht das natürlich nicht – und die ist bei Konrad Bauer bekanntlich in besten Händen. Dass er schon wieder in die Tonne steigt, zeugt von Verbundenheit und darf durchaus als Wertschätzung für die Veranstalter und deren Gäste gewertet werden. Zu den „Jazzwelten“ stellt „Conny“ Bauer sein jüngstes CD-Projekt „Der Gelbe Klang“ vor. Das Posaunen mit elektonischer Verfremdung als Solo eines großen Virtuosen.

Eine One-Man-Show wird auch Gary Lucas präsentieren, der vom renommierten „New Yorker“  als „Gitarrenheld für Intellektuelle“ geadelt worden ist. Er hat sich einer zwischenzeitlich fast ausgestorbenen Kunst verschrieben, der Live-Musik zu alten Stummfilmen, und wird in Dresdens Schauburg als singender Gitarrist drei rare Meisterwerke bespielen. Darunter Filme von René Clair und Fernand Léger sowie eine Animation von 1912!

Jazz und Film knüpft an frühere „Jazzwelten“ ebenso an wie die Zusammenarbeit von Tonne und Musikhochschule. Auch im März 2010 wird es einen Workshop geben, diesmal mit dem Merz-Artisten Jaap Blonk aus den Niederlanden. Er ist ein Stimmakrobat und wird mit der Gesangsklasse der HfM überraschende Laut-Poetik präsentieren.

Zwei weitere, höchst unterschiedliche Abende werden vom Zusammenspiel aus Live-Jazz und Computertechnik bestimmt sein, bei Lucibel Crater (USA) ist das mit Sarth Calhoun am Keyboard übrigens ein festes Bandmitglied von Lou Reed, im Duo Christopher Rumble agiert als DJ Illvibe Vincent von Schlippenbach gemeinsam mit dem bald ganz Dresden betrommelnden Demian Kappenstein. Es ist durchaus davon auszugehen, dass hier so absichts- wie kunstvoll eine Melange bekannter Hörgewohnheiten zerbrochen wird.

Die Fragilität auf die Spitze treibt womöglich das Abschlussprojekt der „Jazzwelten“, in dem der sizilianische Ausnahme-Drummer Franceso Cusa mit seinem gesondert für Dresden konzipierten Programm „Amoklauf“ und dem spielwütigen Sextett Skrunch agiert.

Wie einen kleinen Auftakt zum Festival gab es am vorigen Wochenende ein Wiederhören mit der finnischen Berlinerin Kristiina Tuomi – erst neulich im „Feature-Ring“  zu Gast, nun gemeinsam mit dem Christian Krischkowsky Quintett in der Tonne – sowie als Europadebüt das Jessica Lurie Ensemble (USA), das mit einer Melange aus innovativem Jazz und mediterranem Hintergrund kraftvoll einzuheizte. Da wurde gesungen, Saxofon, Querflöte und Akkordeon gespielt, am Klavier sowie am Synthesizer getastet, es wurde getrommelt, Rhythmus gedroschen, mit Löffeln geklappert, am Banjo jongliert, die Gitarre gezupft, gestrichen und per Walkman zum Klingen gebracht – von lediglich vier jungen Leuten.

Die Eröffnung der „Jazzwelten“  gilt dann als ein weiteres Jubiläumskonzert, um auf die herbstliche Festwoche „10 Jahre Neue Tonne“ einzustimmen. So lange hat sie nämlich schon in der Königstraße Bestand.

Eine Textfassung des Artikels ist am 12.3. in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

Fotos: PR

02.03.2010Allgemein