Dvoráks »Requiem« und der 13. Februar – ein „Auferstehungskonzert“ für den tschechischen Dirigenten Jirí Kout

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Dvoráks »Requiem« und der 13. Februar – ein „Auferstehungskonzert“ für den tschechischen Dirigenten Jirí Kout

Der 13. Februar ist nicht nur im Dresden-Kalender ein unvergesslich bedeutsames Datum. Der alljährliche Tag des Gedenkens, hoffentlich auch des Besinnens, richtet Blick und Bewusstsein auf die sich nunmehr zum 65. Mal jährende Bombennacht. Er dürfte vielen Menschen aber auch Anlass sein, auf andere Orte und Untaten zu schauen. Die Zukunft ist ein geschlossenes Fenster, gewiss, und niemand weiß, wie nach weiteren 65 Jahren in Städten wie Bagdad und Basra, Kabul und Kunduz aufs Heute gesehen wird. Warum wird bei aktuellen Entscheidungen nicht auch mal ein Gedanke darauf verschwendet?

Die Antwort liegt auf der Hand. Als Antonín Dvorák vor 120 Jahren sein „Requiem“ schrieb, das 1891 in Birmingham uraufgeführt worden ist, wird auch niemand für möglich gehalten haben, dass 50 Jahre später das ganz in der Nähe liegende Coventry von der deutschen Luftwaffe systematisch zerstört werden sollte. Reichsminister Goebbels hat daraufhin das Wort von „Coventrisieren“ geprägt. Heute ist der Ort eine Partnerstadt von Dresden.

Das Dvorák-„Requiem“  – quasi ein Vorläufer des 1956 für die neue Kathedrale von Coventry geschriebenen „War Requiem“ von Benjamin Britten – wird die Dresdner Philharmonie im diesjährigen Gedenkkonzert aufführen. Das städtische Orchester hat sich dafür einen besonderen Gastdirigenten geladen, den Tschechen Jirí Kout. Der wurde am letzten Dezember-Sonntag zu Weihnachten 1937 in Prag geboren und ist bis heute von den Zerwürfnissen des vergangenen Jahrhunderts geprägt. Dessen Werdegang hat wenig mit einem Sonntagskind gemein. Seine Geburtsstadt wurde 1939 von den Nazis besetzt, war nach 1945 Hauptstadt eines Moskau-hörigen Landes.

Kout studierte an der Prager Akademie der musischen Künste und trat sein erstes Dirigentenamt am Theater von Pilsen an. Im Zuge des „Prager Frühlings“ verbrannte sich ein junger Mensch vor diesem Theater, während drinnen Lortzings „Zar und Zimmermann“ erklang. Kout brach die Vorstellung ab – und erntete ein mehrjähriges Auftrittsverbot. Er ernährte sich und seine Familie fortan als Pilzsammler!

Erst 1972 durfte er wieder am Prager Nationaltheater dirigieren, wurde bald darauf als Gast an die Düsseldorfer Oper gebeten. Er reiste gemeinsam mit seiner Frau und kehrte nicht wieder zurück, begann eine neue Laufbahn an der Deutschen Oper am Rhein, dann an der Deutschen Oper Berlin bei Götz Friedrich. Der kannte sich mit Ost-West-Brüchen aus.

Foto: Tine Edel

1993 ging Jirí  Kout als GMD an die Oper Leipzig, wo er sich unter anderem mit Janáček, Mozart, Strauss sowie mit Olivier Messiaens Ausnahmewerk „Saint François d’Assise“ hervortat. Inzwischen wurde auch eine Rückkehr, gastweise, in die einstige Heimat möglich. Erst ein „Rosenkavalier“ am Nationaltheater Prag, dann Wagner, Verdi und immer wieder die Landsleute Dvořák, Janáček, Smetana. Relativ spät gelang so der internationale Durchbruch, gab es  Einladungen von der New Yorker Met, zur Wiener Staatsoper, von Covent Garden in London, an die Pariser Opernhäuser, die Mailänder Scala. Von Sachsen zog es Kout in die Schweiz, wo er zehn Jahre lang Chefdirigent am Theater St. Gallen war und sich inzwischen heimisch fühlt. Von dort aus tourte er zu und mit den neu gegründeten Prager Sinfonikern. Das aufreibende Hin und Her musste der 2007 mit dem Tschechischen Staatspreis für Kunst und Kultur geehrte Maestro Ende vorigen Jahres einer plötzlichen Erkrankung wegen aufgeben. Er hat damals sämtliche Dirigate abgesagt, wollte sich für das Gedenkkonzert in Dresden gründlich auskurieren. Weil dem Tschechen das „Requiem“ von Antonín Dvorák und der Anlass des 13. Februar Herzensangelegenheiten sind.
 
Kulturpalast, Festsaal; 13. und 14. Februar, jeweils 19.30 Uhr

Eine Textfassung des Artikels ist am 10. Februar in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

11.02.2010Allgemein