Fabio Luisis Dresdner Zeit – Rückblick und Ausblick

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Fabio Luisis Dresdner Zeit – Rückblick und Ausblick

Immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Staatskapelle – diese Zeiten sind vorbei (Foto: Barbara Luisi)

Fabio Luisi verlässt Dresden. Überraschend, auf eigenen Wunsch. Und zu einem für die Staatskapelle eher ungünstigen Zeitpunkt, standen doch im Rahmen des Semperoper-Jubiläums Konzerte und Opernaufführungen an, für die sich Luisi sehr einsetzte, und bei denen er nicht leicht adäquat zu ersetzen sein wird. Trotzdem wird der ein oder andere Musiker auch Erleichterung verspüren, dass die Fronten, die sich in letzter Zeit zwischen dem einstigen Wunschkandidaten und dem Orchester aufgetan haben, nun ein für alle Mal geklärt sind. Keine weiteren kurzfristigen Vertretungen "aus Krankheitsgründen", keine Ausflüchte, kein sarkastisches Spiel über die Medienbande mehr. Es ist gut so. Indes: auch die Staatskapelle geht aus diesem kaum zweieinhalbjährigen Flirt – eine Zeit, in der sich andere Orchester mit ihren Chefs kaum warmgespielt haben, bevor es ums Ganze geht – nicht unbeschädigt hervor.

Nimmt man nun die künstlerische Leistung der Kapelle in den letzten Jahren in den Blick, sieht die Bilanz durchaus positiv aus. Luisi machte sich für eine Richard-Strauss-Reihe stark, für Sony entstanden fantastische Aufnahmen. Die "Wunderharfe" schärfte unter Luisi ihr Profil, nahm aber mit der wiedereingeführten, jährlich neu vergebenen Position des »Capell-Compositeurs« auch Neutöner verstärkt in den Blick. Luisi mag in den letzten zwei Jahren nicht oft genug in Dresden gewesen sein. War er da, setzte er sich auch hörbar für die Belange der Kapelle ein, machte sich beispielsweise öffentlich für ein neues Konzerthaus stark. Dass seine Familie nicht daran dachte, nach Dresden zu ziehen, belastete den Dirigenten, und lenkte den Blick vielleicht manchmal zu sehr von seinen musikalischen Errungenschaften am Haus ab.

In unguter Erinnerung ist beispielsweise die Äußerung eines Kapellmusikers anlässlich der Neuverhandlungen des Dirigenten mit dem Freistaat. "Nachwuchs- und Qualitätsprobleme" wurden moniert. Der Medienhype um Luisis rasch, fast etwas zu rasch gefundenen Nachfolger Christian Thielemann dürfte seine Beziehung zum Orchester nicht mehr verbessert haben. Von seiner heimlichen Empörung zeugen auch Formulierungen der Pressemeldung, die Henry C. Brinker, ehemaliger Semperoper- und jetziger Elbphilharmonie-Kommunikationschef und – Überraschung – nebenbei Luisis "Medienberater", gestern an die wichtigsten Agenturen und Redaktionen versandte.

Die Staatskapelle hat sich offenbar mehr von ihrem scheidenden Generalmusikdirektor versprochen. Ob Christian Thielemann, ein charismatischer und weltweit nicht wenig gefragter Künstler, den Spagat zwischen den Dresdner Anforderungen und seiner eigenen Karriereplanung so sensibel eingeht, dass am Ende alle zufrieden sind und nicht ein weiterer vorzeitiger Abgang droht? Für den Ruf der Staatskapelle wäre das nichts weniger als verheerend. Um so wichtiger ist also nun ein behutsamer künstlerischer wie organisatorischer Neuanfang. Mit großen medialen Explosionen ist der Kapelle in den nächsten Jahren nicht gedient, ein preußisches »mehr sein als scheinen« stünde dem Ensemble vorerst besser zu Gesicht. Die Voraussetzungen sind perfekt; wenn nun alle an einem Strick ziehen (und vor allen Dingen in eine Richtung), kann sich hier viel bewegen. Der weltweite Ruf des traditionsreichen, künstlerisch vollendeten und menschlich vornehmen "Glanz-und-Klang"-Orchesters könnte mit Thielemann einen neuen Höhepunkt erreichen. Der höchsten Kunst, der Musik und dem Publikum in Dresden und der Welt zu dienen, das sollte auch unter dem neuen Chef Hauptaufgabe des Orchesters bleiben. Mit dem Ruf eines dirigentenmordenden und allzu selbstherrlichen Ensembles wäre tatsächlich niemandem gedient.

04.02.2010Features