Vier große Buben zaubern Jazz – Baby Sommer Quartett eröffnet Reihe Jazz-Café in der Tonne

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Vier große Buben zaubern Jazz – Baby Sommer Quartett eröffnet Reihe Jazz-Café in der Tonne

Kreativer Jazz hat es heute nicht leicht in dieser Stadt. Das war schon einmal anders. Das wissen viele – viele aber können (oder wollen) es nicht wissen. Ein Beispiel: Das neu belebte Baby Sommer Quartett. Vor 29 Jahren im Rahmen der legendären Jazzwerkstatt in Karpfenfischerdorf zu Peitz, im Schatten der Kraftwerksschornsteine von Jänschwalde, gegründet, ist es jetzt auf Tournee und spielt frischer denn je. Damals stand für die Gründung das restriktive Verhalten der DDR-Kulturfürsten Pate. Deutsch-deutsche Jazzbands waren nicht erlaubt. Etwas schlitzohrig erfand so Günter "Baby" Sommer, als musikalische Spielwiese des sehnlich vermissten Synopsis-Quartetts – die wiedervereinte Viererbande "Zentralquartett" gab es erst ab 1983 wieder – das internationale "Günter Sommer Quartett". Statt deutsch-deutsch wurde es mit Galionsfiguren der internationalen Freejazzszene besetzt: Manfred Schoof, Gianluigi Trovesi und Barre Philips, also DDR, BRD, Italien und USA. Damit konnte das Komitee für Unterhaltungskunst nichts anfangen – und so wurde es akzeptiert.

Günter "Baby" Sommer mit seinem Quartett zum Auftakt der neuen Reihe Jazz-Café in der Tonne (Foto: Matthias Creutziger)

Die gerade erschienene CD "Peitzer Grand mit Vieren" (Jazzwerkstatt) mit der Aufnahme aus dem Jahr 1980 reflektiert nicht nur eine äußerst spannende Zeit in der jüngeren Geschichte des Jazz (damals gab es auch in Dresden jede Woche aufregende Konzerte auf diesem Niveau), es war auch Anlass, das Quartett neu zu beleben. Das Tolle am jetzigen Sonntags-Konzert in der Tonne war: Die Band spielte frischer, melodiöser, rasanter, ausgewogener und natürlich reifer als vor 29 Jahren. "Das Ziel ist die Komposition" – sagte Sommer in der Pause. Und das ist auch des Pudels Kern. Wo früher das "Alles oder Nichts" des melodisch-harmonisch-rhythmischen und selbstzerstörerischen Auslotens stand, ist heute die Orientierung an Formen, an Themen, mit Blick auf eine gewisse Gültigkeit getreten.

Dabei sind und bleiben Spontaneität und die große Kunst der Improvisation die Basis. Die Gültigkeit im Moment ist das Ziel, weniger die Vergänglichkeit. Daran ist bestimmt die Reife beziehungsweise das Alter der Musiker schuld. Dennoch sind die vier resoluter und konsequenter als jene zahlreichen Hochschulabsolventen, die jährlich auf den Jazzmarkt drücken und vor allem ganz schnell ganz oben landen wollen.

Die Musiker des "Peitzer Grand mit Vieren" gingen schon immer eigene Wege. So stellten sie sich auch im Jazz-Café mit unterschiedlichen Stücken in verschiedenen Konstellationen (Duo, Trio und Quartett) vor. "Like Don" nannte sich ein Stück von Schoof, in dem über wenige Töne eines Cherry-Stücks alles versucht wurde zu geben. Ein aufs Äußerste reduzierte, einfache und schöne Tonfolge, die jeden der vier genügend Freiheit gab, die Sterne vom Himmel zu holen. Nach dem Intro von Schoof tanzten Trovesi Töne wie Glühwürmchen in einer Sommernacht um das Thema, und Barre Philips gab den Gedanken des alten Cherry Schönheit und Ruhe. Gut aufgelegt wie lange nicht, trommelte und zauberte Baby Sommer auf dem Schlagzeug mit jugendlicher Kraft und Altersweisheit eine dichte Folge von Rhythmen und trieb die Musik der Band von Höhepunkt zu Höhepunkt und meist zu einem ganz prägnanten Schluss.

"Noparietto" von Gianluigi Trovesi entführte die vier in die italienische Klangwelt der Banda-Musik und der Opernohrwürmer. Leicht und süß und dennoch voller knisternder Energie. Mit "Hymnus IV" von Baby Sommer spielten alle noch mal so, als wäre es das allerletzte Mal. Große hymnische Bögen voll fesselnder Farben und umwerfender Klangdichte.

Dieses Eröffnungskonzert der Reihe "Jazz-Cafe" war nicht nur gut besucht, auch war jede Menge Kulturprominenz in den Keller gestiegen. Neben den Malerfürsten Göschel, Graf und Adler sah man auch den Dichter Rösenlöcher und den Schauspieler Rolf Hoppe. Ein Statement für den Meister und natürlich auch die Tonne.

Eine Textfassung des Artikels ist am 10. 11. in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

11.11.2009Allgemein