Europäische Erstaufführung in Leuben: Gershwins »Pardon my English«

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Europäische Erstaufführung in Leuben: Gershwins »Pardon my English«

George Gershwins musical comedy „Pardon My English“ kam am 20. Januar 1933 am Broadway im legendären Majestic Theatre heraus, wo es lediglich 43 Aufführungen erlebte. Geschlossen wurde die Show am 25. Februar, zwei Tage vor der Nacht des Reichstagsbrandes in Berlin. Ein Umstand, der, bei einem Musical, das in Deutschland spielt, nicht ganz ohne Bedeutung scheint.

„Pardon My English“ steht in einer Reihe mit drei anderen Gershwin-Musicals, die politische Themen aufgreifen: der Kriegssatire „Strike Up The Band“ (1927), der Wahlkampfparodie „Of Thee I Sing“ (1931) und der Farce auf Gleichschaltung und Revolution „Let ‚Em Eat Cake“ (1933). Die Textautoren von „Pardon My English“ gehörten mit zum Besten, was der Broadway aufzubieten hatte. Neben George Gershwins kongenialem Bruder Ira, der die Songtexte dichtete, schrieben Morrie Ryskind, der u. a. die Drehbücher für vier Filme der Marx Brothers, darunter „A Night at the Opera“ (1935), verfasst hat, und Herbert Fields das Bühnenbuch. Fields zählt zu den erfolgreichsten Musical-Buch-Autoren seiner Zeit; er schrieb unter anderem die Bücher für einen Großteil der Musicals von Rodgers & Hart oder auch für Irvin Berlins „Annie Get Your Gun“.

Das Buch zu „Pardon My English“ mit seiner überdrehten Handlung steht ganz in der Tradition der film comedies und Broadwayerfolge jener Jahre. Im Gangstermilieu angesiedelt, wird mit schnellen Situationswechseln, flotten Dialogen in der Manier der screw ball comedies und Slapstickmitteln, also einer bewusst körperbetonten Komik, eine absurde Geschichte erzählt, die aktuelle Modethemen von Prohibition bis Persönlichkeitsspaltung aufgreift. Mit diesen Elementen wird eine skurrile Satire auf die umstrittene Prohibition entworfen und damit auf die Innenpolitik einiger Bundesstaaten der USA.

Wie aktuell das war, zeigt die Tatsache, dass exakt einen Monat nach der Premiere, am 20. Februar 1933, die Prohibition aufgehoben wurde. Durch den Wegfall dieses Anlasses der Satire hatte das Musical seinen Angriffspunkt verloren. Ein untypisches Schicksal für ein Zeitstück wie „Pardon My English“. Konsequenter Weise fiel nur 5 Tage nach Ende der Prohibition der letzte Vorhang für das Stück am Broadway.

„Pardon My English“ haben die Autoren in Deutschland, genauer gesagt in Dresden und dem nahegelegenen Bad Schandau angesiedelt. Schon in „Strike Up The Band“ (1927/30) hatte Morrie Ryskind mit der Wahl der Schweiz als Handlungsort einer Kriegssatire einen europäisch-‚exotischen’ Schauplatz gewählt. In „Pardon My English“, das eigentlich amerikanische Verhältnisse persifliert, wird nun die Kulturstadt Dresden zum Schauplatz der Handlung. Diese Ortswahl wird für die Autoren auch zum Anlass, vermeintlich deutsche Eigenarten wie Volksmusik, Leberwurst oder polizeilichen Ordnungssinn zu parodieren. Dies ist eine gängige Methode, die unter anderem auch in den zahlreichen Heidelberg-Stücken und -Filmen der Zeit (z. B. Rombergs „The Student Prince“, 1931) ihren Ausdruck gefunden hat. Auffällig bleibt, dass reale Bezüge zu Dresden oder zeitpolitische zur deutschen Politik nicht vorkommen. So wird weder eine Topographie Dresdens entworfen, noch kommen die zehn Tage nach der Uraufführung an die Macht kommenden Nationalsozialisten vor. Damit bleibt das Buch in der Tradition zeitloser Satire mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Die Handlung enthält eine Vielzahl von Elementen, die man heute noch aus Hollywoodfilmen jener Jahre kennt. Die Grundsituation des Plots ist folgende: In Dresden und Bad Schandau herrscht Limonadenverbot. Um das süße Getränk trotzdem genießen zu können, trifft man sich heimlich in verschiedenen Clubs. Einen davon betreibt der Gangster Golo Schmidt. Der leidet allerdings an einer veritablen Persönlichkeitsspaltung: Immer, wenn er einen Schlag auf den Kopf bekommt – und das passiert öfter – verwandelt er sich in bester ‚Jekyll-und-Hyde’-Manier in den britischen Geheimagenten Michael Bramleigh. In dieser Gestalt verliebt er sich ausgerechnet in die Tochter des Kommissars Bauer, der damit beauftragt ist, dem illegalen Limonadenausschank ein Ende zu bereiten. Bevor es zum unvermeidlichen Happy End kommt, begegnen wir mehreren Psychiatern, erleben eine Entführung nach Bad Schandau samt glücklicher Rettung und erfahren etwas über die Unzulänglichkeiten der Dresdner – und damit eigentlich der amerikanischen – Polizei.

Bekanntes wiederentdeckt

Auch wenn berühmte Gershwin-Standards, die Bestandteil des Great American Songbook geworden sind, wie „The Lorelei“, „Isn’t It a Pity“  oder „My Cousin in Milwaukee“ im Gedächtnis blieben, so geriet – wie so oft – die Show, aus der sie stammten, in Vergessenheit.

Das Werk wurde erst 1982 in einem Musiklager von Warner Brothers in Secaucus, New York wiedergefunden. Das Stück wurde rekonstruiert und 1993 für die CD eingespielt. Allerdings in einer rein musikalischen Fassung mit einigen Kürzungen, denen zum Beispiel unverständlicherweise auch die Titelnummer „Pardon My English“ zum Opfer fiel. In der New Yorker Reihe City Center Encores!, die sich alljährlich zu unrecht vergessenen Musicals in semiszenischen Produktionen annimmt, kam es im Frühjahr 2004 zu einer beim Publikum und Presse überaus erfolgreichen Wiederaufführung.

Über 75 Jahre nach der Uraufführung am Broadway erlebt „Pardon my English“ nun an der Staatsoperette seine Europäische Erstaufführung. Die musikalische Leitung liegt in den Händen des Chefdirigenten der Staatsoperette Dresden, Ernst Theis. Für die szenische Umsetzung, die mit überraschenden Bühnenbildlösungen und witzig-ironischen Kostümen (beides von Christoph Weyers), die den Handlungsort reflektieren, aufwarten, konnte der Sänger, Schauspieler und Regisseur Holger Hauer gewonnen werden.

André  Meyer und Uwe Schneider

Premiere: Pardon My English
Musical comedy in 2 Akten
Musik von George Gershwin. Liedtexte von Ira Gershwin.
Buch von Herbert Fields & Morrie Ryskind.

Musikalische Leitung    Ernst Theis
Regie      Holger Hauer
Ausstattung     Christoph Weyers
Choreographie    Andrea Kingston
Choreinstudierung    Thomas Runge
Dramaturgie     André Meyer
 

Premiere: 27.11.09, 28.11.09

Weitere Vorstellungen in der Spielzeit 2009/10:
29.11.09, 15:00 Uhr | 09.12.09 | 10.12.09|
14.01.10 | 15.01.10 | 27.03.10 | 28.03.10, 15:00 Uhr | 18.05.10 | 19.05.10
 
Beginn 19:30 Uhr, wenn nicht anders angegeben.
Karten unter (0351) 207 99 99

21.10.2009Allgemein