Prof. Gerd Uecker: „Dresden könnte ein Konzerthaus gut gebrauchen“

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Prof. Gerd Uecker: „Dresden könnte ein Konzerthaus gut gebrauchen“

"Klare Gewichte" fordert Prof. Gerd Uecker von der neuen sächsischen Regierung in Kunst- und Kulturfragen im folgenden Gespräch. Mit dem designierten Chefdirigenten Christian Thielemann hat die neue Kunstministerin auf jeden Fall ein erstes Ausrufezeichen in Dresden gesetzt. Ob sich jetzt – mit dem immer weiter wachsenden internationalen Renommee der Kulturstadt – auch in Sachen Konzerthaus wieder etwas bewegt? Martin Morgenstern hat dazu mit dem zu Saisonende scheidenden Intendanten gesprochen.

Foto: M. Creutziger

Herr Intendant, wenn man die Koalitionsverträge von 2004 und 2009 vergleicht, was fällt auf?

Tatsächlich ist die Luft für die Kultur dünner geworden. Politisch wird das begründet durch eine Verschlechterung der Staatshaushalte. Was ich mir wünsche von der sächsischen Kulturpolitik: dass man trotz des gewaltigen Erbes, das man an Kulturdenkmälern und -institutionen hat, bei geringer werdenden Ressourcen klare Gewichte setzt, die sich auch politisch begründen lassen; und nicht in eine Situation kommt, wo man alles gleichermaßen unzureichend versorgt.

Nötig ist auf jeden Fall auch eine größere Durchlässigkeit zur Hochschulpolitik und Schulpolitik. Da liegen doch die Grundlagen für alle Kultur. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man diese Ressorts so hermetisch voneinander abkoppelt. An der Dimension des Themas gemessen, ist Zusammenwirken beider unzureichend. Wie soll Hochkultur mit Leben erfüllt werden, wenn die Bildungsbasis nicht entsprechende Fenster schafft, Horizonte aufzeigt? Ideen wie das Nationalmuseum kann ich dagegen gar nicht einordnen. Aus welcher Grundbefindlichkeit wird so etwas politisch artikuliert? Da habe ich große Fragezeichen. Für die Identitätsfindung der Sachsen brauche ich kein Museum. Die Identitätsdichte hier ist jetzt schon höher als in anderen Bundesländern.

Konkret liest sich vor allem folgende Passage bedenklich: "Wir werden die großen Kultureinrichtungen dabei unterstützen, verstärkt eigene Erträge  und einen höheren Kostendeckungsgrad zu  erwirtschaften, damit sie ihre überregionale und internationale Bedeutung erhalten und ausbauen können."

Ich bin auch immer wieder verwundert, wenn ich mit Finanzleuten spreche, die uns die Ertragsseite als verbesserbar darstellen. Das geht bis ins ‚klein-klein‘ und stellt für mich keine wirkliche Kenntnis der Situation dar. Für die Semperoper bedeutet das: es ist nicht mehr aus der Kuh herauszumelken! Wir haben unsere Erträge seit 2003 von unter 13 Mio. auf 19 Mio. Euro linear gesteigert und gleichzeitig ein Bilanzdefizit von ca. 10 Mio. auf etwa ein Drittel abgesenkt. Das sind Entwicklungen, die muss uns erst mal irgendjemand nachmachen! Ich fühle in dem, was man uns für die Zukunft aufträgt, unter diesem Gesichtspunkt nicht verstanden, da will ich gar nicht von Würdigung reden.

"Man kann nicht Oper wie in Wien oder Mailand fordern und dann das Geld kürzen."

Das rührt für mich an einem Grundverständnis der Politik: dass sie nicht artikuliert, was sie als sinnvoll erachtet. Sie kann nicht den Anspruch auf der künstlerischen Seite so hoch hängen und auf der anderen Seite uns überhaupt nicht die entsprechenden Mittel in Aussicht stellen. Den Kostendeckungsgrad zu erhöhen, bedeutet ja letztlich, den Zuschuss zu minimieren. Und da kann ich nur sagen: das ist eine Tendenz, die um so unverständlicher ist, als uns jetzt im laufenden Haushaltsjahr die Politik mit den Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst, die sie beschlossen haben, und die bei uns ins laufende Jahr mit 1,7 Mio. zu Buche schlagen, völlig allein lässt. Im nächsten Jahr – 2010 – steht uns eine Mehrbelastung von 2,5 Mio. Euro ins Haus, plus ein neuer Orchestertarifvertrag, bei dem es sogar noch um Nachzahlungen für 2009 gehen wird. In dieser Entwicklung, die in die Millionen geht, die wir zusätzlich erwirtschaften sollen, weiß ich nicht, was diese Aussage bedeuten soll.

Gerade die Tariferhöhungen waren ursächlich das Problem, warum die Semperoper 2005 nah am Kollaps war. Das gleiche Spiel wiederholt sich jetzt, und der ganze Konsolidierungsplan, den wir mit großen Schmerzen, großer Überzeugungsarbeit auf den Weg gebracht haben und voll in der Erfüllung liegen – diese ganzen Bemühungen sind Makulatur, wenn sie durch eine solche Entwicklung gekreuzt werden. Ich will aus so einer Programmatik noch keine voreiligen Schlüsse ziehen, die politische Praxis wird sich anders gestalten. Aber ich sehe die wirtschaftliche Stabilität des Hauses stark gefährdet. Man kann nicht Oper wie in Wien oder Mailand fordern und dann das Geld kürzen.

Schmerzt es Sie als Intendant nicht, wenn Sie aus finanziellen Gründen Fremdveranstaltungen ans Haus holen müssen, deren künstlerische Qualität mit Ihrem eigenen Programm eigentlich unvereinbar ist? Die Tendenz scheint ja an vielen Häusern in diese Richtung zu gehen.

Da gibt es bei uns eine klare Priorität: Unser künstlerischer Plan wird aufgrund unserer Kapazität und einer gewissen Nachfrageabschätzung erstellt; unter dem Gesichtspunkt, möglichst viel selbst zu produzieren, und künstlerisch eine große Palette von Produktionen anzubieten. Dazwischen wird es immer kleine Spalten und Nischen geben, an denen wir das Haus fremdvermieten können und damit zu Einnahmen gelangen, die wir ohne die Vermietung nicht hätten. Aber insgesamt wird der Bereich ein Randbereich bleiben. Man dreht gewissermaßen bei der trockenen Wäsche noch einmal mehr, und vielleicht kommen noch drei Tröpfchen…

Vielleicht können Sie in diesem Zusammenhang einen weiteren finanziellen Sachverhalt erhellen. Die Kunstministerin Frau Dr. Stange sagte kürzlich in einem Zeitungsinterview im Zusammenhang mit einem neuen Konzerthaus in Dresden, der Anteil der durch die Staatskapelle erwirtschafteten Eigenmittel dürfe nicht dadurch sinken, dass das Ensemble in einem Konzerthaus spielt. Kann die Semperoper an solchen Tagen nicht gewinnbringend vermietet werden?

Das ist ein komplexes Thema. Ich bin ein großer Befürworter eines neuen Konzerthauses für Dresden, völlig unabhängig davon, wer es trägt. Die Stadt könnte bei den Orchestern, die hier ansässig sind, und bei den internationalen Gästen ein Konzerthaus gut gebrauchen. Da gibt es gar keine Frage. Wenn die Staatskapelle natürlich wesentlich an der Bespielung des Hauses teilnehmen soll, entstehen Kosten, die wir im Moment durch die Konzerte, die wir in der Semperoper spielen, nicht hätten. Man muss an die Miete denken, man muss ja auch proben, man muss hier an der Oper Ersatzleistungen anbieten.

"Ich bin ein großer Befürworter eines neuen Konzerthauses für Dresden"

Der große Vorteil ist, dass wir, wenn die Staatskapelle hier spielt, voll ausgelastet sind. Dieser Besuch geht der Semperoper natürlich ab. Wir hätten dann 40 Konzertveranstaltungen weniger. Was mache ich an diesen 40 Abenden ohne die Staatskapelle? Wenn ich einen anderen Veranstalter hineinhole, halte ich 500 Beschäftige vor – wofür? Und wo gibt es künstlerisch wirklich anspruchsvolle Compagnien, die in so einen Konzertslot passen? Was sich erhöhen würde, wäre die Zahl der Schließtage. Bei der ganzen Diskussion ist es eben ein Problem, dass es keine betriebswirtschaftliche Analyse gibt, die auch andere Institutionen wie die Semperoper einbezieht. Ich bin überzeugt, dass – wenn man will – da auch Lösungen gefunden werden können. Aber eins ist ganz klar: sie kosten zusätzliches Geld.

Zur Pressekonferenz am Anfang der Spielzeit haben Sie Fragen nach einer künstlerischen Bilanz der letzten Jahre noch abgebürstet – es wäre ja noch so viel zu tun… Aber wenn Sie jetzt einen vorsichtigen Blick zurück wagten – woran erinnern Sie sich gern, woran nicht so gern? Es gab schon ein paar richtige "Gurken" unter den Inszenierungen, oder?

Jaja, es gab Erwartungsenttäuschungen, ich will es mal so nennen. Aber die sind zur Menge der Produktionen Gott sei dank in einer zu vernachlässigenden Minderzahl. Das Interessante daran ist, dass diese Produktionen, die mich enttäuscht haben, zugleich jedoch einen hohen  Publikumszuspruch hatten. Ich will aber nicht auf einzelne Produktionen eingehen, das hieße den Kollegen in den Rücken zu fallen. Worauf ich dagegen stolz bin: dass ich in diesen Jahren fast dreißig neue Regisseure nach Dresden gebracht habe – Regisseure, die unter verschiedenen Blickwinkeln international einen Namen haben bzw. die Opernlandschaft deutlich mitbestimmen. Das hielt ich nach meiner Analyse der Zeit vor der Flut für ganz wesentlich für Dresden und für das Haus.

Natürlich gab es Kritiker, die das als "Gemischtwarenladen" bezeichneten, und einen Hausregisseur vermissten. Okay, ich fand nur, das es in Dresden einen unglaublichen Nachholbedarf gab an ästhetischer Konfrontation. Wenn in meinem Vertrag steht, ich müsse die Semperoper in die international renommierte Riege der Opernhäuser führen, war meine Überlegung: dann müssen auch die Künstler hier nachhaltig auftreten und über Jahre hin ihre Handschrift hier deponieren. Wenn ich auf diese fast 40 Produktionen zurückblicke, die wir gemacht haben, dann kann ich sagen: dann hat man für Dresden zum ersten Mal ein Fenster in die internationale Regie geöffnet. Das rechne ich mir persönlich als für Dresden ganz wichtig an. Ich habe mir gesagt: wenn ich hier gehe, muss man in Dresden sagen können: alle, die in der Regie- und Bühnenbildgarde einigermaßen Rang und Namen haben und den Ton angeben, waren schon mal in Dresden. Und da muss ich sagen: 2002/03 gab es dieses Spektrum noch nicht.

Es gehört zur neuen Strahlkraft des Hauses: Bei uns spiegelt sich das, was sich in der Opernwelt momentan vollzieht. Natürlich konnte ich nicht alle holen – aber es waren die hoch renommierten, reifen Meister, die viel Erfolg hatten, da; es waren aber auch junge, mutige, umstrittene Regisseure (Sebastian Baumgarten, Vera Nemirova) da. Beide haben zwei Produktionen gemacht. Das Spektrum ist ausgewogen.

Sie fragten mich nach den positiven Seiten des Wirkens. Ich glaube, dass ich für die spezifische Dresdner Situation eine Ausgewogenheit erreicht habe im künstlerischen Angebot, so dass ich genügend Menschen dorthin mitnehmen konnte. Und diese Gratwanderung, die in Dresden eine Existenzfrage ist, zwischen dem Ökonomischen und der künstlerischen Attraktivität, ist mir, glaube ich, mit der Gewichtung zum Künstlerischen gelungen. Man tut sich leicht, wenn man mir vorhält, in Leipzig habe Udo Zimmermann eine glänzende Ära gehabt. Da sage ich: Udo Zimmermann ist ein mutiger, ein kompromissloser Mann. Aber so etwas wäre in Dresden nicht gegangen, ich wäre zwangsbeurlaubt worden. Ich glaube auch, dass es nicht günstig gewesen wäre, wenn man die Semperoper leergespielt hätte. Man hatte in Leipzig schon die Anmutung: es ist von den großen Opern her ein experimentelles Theater. Es ist toll, wenn es Künstler gibt, die das so konsequent durchziehen wie Udo Zimmermann. An einem anderen Ort ist das nicht machbar. Ich bleibe also gelassen, wenn ich darauf angesprochen werde. Im Wasser müssen Sie schwimmen, auf dem Land müssen Sie gehen.

"neue Strahlkraft des Hauses"

Wo werden Sie zum Spielzeitanfang 2010/11 sein? Und zum übernächsten Semperopernball?

Da kann ich Ihnen ganz konkrete Auskunft geben: wenn ich meine Tätigkeit hier beende, werde ich an der Hochschule für Musik und Theater in München meine Professur wiederbeleben. Ich werde sehr viel im Ausland unterrichten. Ich habe etliche Verpflichtungen und Angebote an Hochschulen, ich werde Meisterkurse für junge Opernsänger in verstärktem Maße geben. Einladungen habe ich genug… Und ich werde mich bemühen, die in meinem Alter doch ein bisschen gewachsene Lebenserfahrung als Theatermann nutzen zu können, um die Erkenntnisse an jüngere weiterzugeben.

Sicherlich dürfen wir Sie doch auch in Dresden wieder begrüßen?

Natürlich. Aber ein paar Inszenierungen lang werde ich Abstand halten, allein aus Respekt vor der neuen Intendantin. Stellen Sie sich doch mal vor, da kommt man zur Bühnenprobe, und da schwatzt "der Alte" mit irgendeinem Sänger oder Mitarbeiter über die alten Zeiten, das ist doch nicht angenehm… Aber natürlich komme ich wieder, keine Frage.

09.10.2009Interviews