Von Hellerau nach Venedig und zurück – Ein Gespräch mit Markus Rindt

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Von Hellerau nach Venedig und zurück – Ein Gespräch mit Markus Rindt

Dass die Dresdner Sinfoniker gern neue Wege in der Präsentation von Musik suchen, ist ja nicht erst seit der "Hochhaus-Sinfonie" in der "Prager Zeile" oder seit dem Ferndirigat, bei dem Michael Helmrath im hiesigen Kulturpalast spielende Musiker von London aus leitete, bekannt. Im Gespräch mit Martin Morgenstern verriet der Intendant Markus Rindt, welche technischen Herausforderungen so ein Projekt mit sich bringt, und welche Pläne das Orchester in nächster Zeit verwirklichen will.

Herr Rindt, wie würden Sie das Zeitalter beschreiben, in dem wir heute leben und Kunst wahrnehmen?

Wir leben in einer Zeit des technologischen Wandels. Projekte an der Grenze von Kunst und Technologie, wie sie die Dresdner Sinfoniker und andere anstoßen, werden bald zur Normalität gehören. Stellen Sie sich doch nur einmal vor: die Wände eines Zimmers Ihrer Wohnung bestünden aus 3D-Bildschirmen –  alles mit Glasfaser-Internet verbunden und mit Surround-Sound ausgestattet – sozusagen ein Raum, der eine virtuelle Umgebung simulieren kann. Das ist tatsächlich schon in den Bereich des Möglichen gerückt.

Das klingt auch ein bisschen nach dem "Big Brother" aus Orwells "1984". Können Sie Menschen verstehen, die keinen Fernseher und kein Handy haben möchten?

Ich persönlich bin von den neuen Möglichkeiten der Technik eher fasziniert. Aber natürlich haben wir es auch mit einer gewissen technologischen Ernüchterung zu tun. Technik muss mit sinnvollem Inhalt gefüllt werden. Und eigentlich ist es da nur eine Frage der Zeit, wann die Musiker das Internet zum Musizieren für sich entdecken.

Die Uraufführung eines Werkes für zwei Orchester, die zwischen Dresden und Venedig durch eine „musikalischen Videokonferenz“ verbunden sind, ist tatsächlich ein Novum. Michael Helmrath wird die Dresdner Sinfoniker und das Ensemble Ex Novo in Venedig gleichzeitig dirigieren. Die Verzögerung, die sich durch die Übertragung per Internet ergibt, wurde von Linda Buckley in die Partitur eingebaut und soll nicht hörbar sein. Ob‘s funktioniert, erleben wir heute abend…

Sie planen seit einiger Zeit auch einen "virtuellen Konzertsaal", in dem Musiker sich live – oder quasi live, mit minimalem Zeitverzug – vernetzen können.

Beim Projekt «teleComando», das 2010 oder 2011 stattfinden soll, werden 60 Musiker aus verschiedenen europäischen Städten per Internet miteinander verbunden sein und in einen reellen Konzertsaal als virtuelles Orchester übertragen. Ermöglicht wird dies durch eine sehr anspruchsvolle technische Infrastruktur. Unser System wird nach dem Projekt auch anderen Musikern zur Verfügung stehen. Weitere Konzertübertragungen sind jederzeit möglich.

Konkret schalten wir für die Datenübertragung zwei Netzwerke: einen "Monitor"-Weg für die Musiker, der ein verzögerungsarmes Audiosignal und die in Vektorgrafiken umgerechneten Bewegungen des Dirigenten übermittelt; und ein breitbandiges Netzwerk, das die hochqualitativen Audio- und Videodaten über kurze Wege in den Konzertsaal bringt. Die nötigen technischen Routinen wurden von Alexander Carôt am Institut für Telematik der Universität Lübeck entwickelt.

Die Zeit arbeitet da für Sie, nehme ich an.

Glücklicherweise! Aber es gibt auch immer wieder Rückschläge. Einige Internet-Provider bieten «Fast Path», eine für unser Projekt nötige schnelle Verbindung, die zum Beispiel für Computerspieler wichtig ist, gar nicht mehr an. Der Komponist Andrea Molino, der ein neues Werk für «teleComando» schreibt, muss auf die verschiedenen Latenzzeiten Rücksicht nehmen, die entstehen, wenn Signale aus verschiedenen europäischen Städten im Konzertsaal eintreffen. Die rhythmisch wichtigeren Sektionen werden zum Beispiel näher am zentralen Server sitzen. Umso weiter die Wege, desto unkritischer muss das musikalische Material sein.

Und was sehen und hören die Zuhörer im Saal?

Nun, ein Hornist sitzt beispielsweise in München, der zweite in Stockholm, der dritte in Warschau… Und dann sitzen die "Bildschirme", auf denen diese Musiker zu sehen sind, im Konzertsaal nebeneinander. Der Dirigent wird als einziges Orchestermitglied physisch anwesend sein. Iosono, ein Spin-off des Fraunhofer Instituts, wird den Konzertsaal mit seinem revolutionären Soundsystem ausstatten. Dann muss die Technik noch bei den verschiedenen Musikern installiert werden.

Das hört sich nicht zuletzt sehr teuer an.

Bei der Finanzierung unterstützt uns eine Berliner Agentur. Das Interesse gerade von Technikfirmen ist sehr groß. Um gegenüber der Konkurrenz im DSL- oder Glasfaserbereich punkten zu können, benötigt man Anwendungen, die die Leistungsfähigkeit bei der Datenübertragung anschaulich demonstrieren. Ein Konzert ist hierzu hervorragend geeignet. Gerade hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Prof. Dr. Annette Schavan, die Schirmherrschaft über «teleCommando» übernommen.

Aber ist es nicht auch schön, sich abends noch mit Musikerkollegen zu treffen, vielleicht zusammen zu kochen und beim Wein über musikalische Vorlieben zu fachsimpeln? Das Vergnügen stelle ich mir übers Internet doch sehr trocken vor.

Natürlich, es ist definitiv am schönsten, live miteinander zu spielen. Aber es gibt auch Momente, wo es praktisch sein könnte, einzelne Musiker zuzuschalten. Wir verstehen das Projekt einerseits als Experiment wie auch als Initialzündung, um über solche Prozesse überhaupt einmal nachzudenken. So kann es also durchaus auch eine soziale Funktion einnehmen, wie Sie sie beschreiben.

Das leuchtet mir ein; schließlich lassen sich heute schon genügend Argumente für spannende Fernschach-Duelle über das Internet finden: man kann zu jeder Zeit spielen, und genau auf der spielerischen Ebene, auf der man sich wohlfühlt.

Und stellen Sie sich mal vor: wenn Sie virtuell konzertieren, können Sie Ihre Freunde aus aller Welt in Ihr kleines Live-Konzert einladen!

TonLagen-Konzert "El Dorado"

2. 10., 20 Uhr – Hellerau, Großer Festspielsaal

19/10 Euro
Karten über www.ticket2day.de oder Tel. 0351 8036 810

02.10.2009Interviews