Kommentar: Von Gehältern und wahren Verdiensten

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Kommentar: Von Gehältern und wahren Verdiensten

"Es war gewiß wieder so eine kleine Bosheit" (Aus: "La Périchole", Foto: K.-U. Schulte-Bunert)

Sind das die ersten Zuckungen des beginnenden Sommerlochs? Katzenjammer nach den Stadtratswahlen? Oder subtiler Lobbyismus für oder wider einzelne Kräfte, die sich um Dresdens Kultur mehr – oder weniger? – verdient gemacht haben? Wer dieser Tage die Kulturseiten Dresdner Zeitungen querliest, stolpert über eine Neiddebatte nach der anderen, garniert mit unschönen Zwischentönen. "SPD kritisiert Gehalt von Chefdirigent" war da heute als Überschrift in der Sächsischen Zeitung zu lesen. Stadtrat Wilm Heinrich polterte: "Die SPD-Forderung, Managergehälter auf 500000 Euro pro Jahr zu begrenzen, gilt hier nicht."

Heinrich meinte Rafael Frühbeck de Burgos, monierte neben dessen "hohem Salär" auch noch den Fahrer (Oh Graus! Sicherlich auch noch eine Limousine mit unerhört hohem CO2-Ausstoß) und "Übernachtungen im Luxus-Hotel". Ein Schelm, wer da Nachwirkungen des – zugegeben – unfairen Eingriffs der Philharmonie in den Wahlkampf vermutete. Hatte doch die SPD ihrerseits pünktlich fünf Tage vor der Abstimmung bei der Oberbürgermeisterin eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt, da die Philharmonie mit Geldern der städtischen Verwaltung unlauter in den Wahlkampf eingegriffen habe. Stadtrat Lames war sich im Rahmen der entsprechenden Pressemeldung nicht zu schade, seinerseits ein Quentchen Wahlkampf nachzuschieben: "Für ein eigenständiges Konzerthaus (mit Kammermusiksaal) muss endlich das Gespräch mit dem Freistaat gesucht werden, was bisher seitens der CDU-geführten Stadtverwaltung nicht geschehen ist." Touché.

Nun aber schlägts dem Kronentor die – äh – Zacken aus, wenn die Regionalausgabe der BILD-Zeitung ihrerseits nachkartet: "Ungeliebter Stardirigent?". Und in Versalien schreibt: IN DER SEMPEROPER IST EIN STREIT UM DEN GROSSEN FABIO LUISI ENTBRANNT. ER SEI ZU SELTEN DA, ZEIGE ZU WENIG STÄRKE. Der Journalist zitiert den Solo-Piccoloflötisten der Staatskapelle: „Wir leiden unter unheimlichen Sparzwängen, es gibt Nachwuchs- und Qualitätsprobleme. Da muss ein Chef Präsenz zeigen, notfalls mit seiner Faust kräftig auf den Tisch hauen.“ Warum die Staatskapelle nachgerade "eine drastische Beschneidung ihrer Kompetenzen" befürchtet, wird auch dem aufmerksamen Leser nicht vollständig klar. Fakt ist: das Orchester hat sich hier eine unschöne Blöße und dem Boulevardaffen ein bisschen zu viel Zucker gegeben.

Wie provinziell müssen solche Streitereien Außenstehenden erscheinen? Klar, die "Harmonie unter den Musikern der Stadt", die Musikfestspiel-Intendant Jan Vogler kürzlich im Interview ersehnte, ist keine allumfassende. Beide in der Stadt wirkenden Stardirigenten haben Ecken, Kanten, sicherlich auch Schwachstellen, die konstruktiv angesprochen werden müssen. Widmet sich Frühbeck de Burgos dem Philharmonischen Chor im gebotenen Maße? Vermag Luisi seinen Musikern in letzter Zeit mehr als die gewissenhafte dienstliche Pflichterfüllung zu entlocken? Aber deswegen – gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Krise, in der sowieso bei Kultur wieder zuallererst gekürzt wird – Neid- und Mißgunstdebatten zu befeuern, steht weder Kulturpolitikern noch Journalisten so recht an.

Martin Morgenstern

24.06.2009Allgemein