Genre Operette – wirkungslose Reanimation oder echte Renaissance?

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Genre Operette – wirkungslose Reanimation oder echte Renaissance?

Operette – die "kleine, plüschige Oper zum Mitsingen" (Walter Schmitz) – ist sie eigentlich noch zu retten?

Für die erfolgreiche Genesung nach langer Krankheit bedarf es der Schonung, aber auch des gezielten Aufbautrainings. Gesunde Ernährung ist wichtig, und natürlich psychologische Stärkung des Patienten. All das hat sich – im übertragenen Sinne – die Mannschaft der Staatsoperette Dresden für die Operette, die "kleine, plüschige Oper zum Mitsingen" (Walter Schmitz) vorgenommen. Vom 25. bis 28. Juni wird sich deshalb nach über einem Jahr Vorbereitung ein gutes Dutzend Operettenkenner und -liebhaber in Dresden versammeln; darunter Soziologen, Germanisten, Kultur-, Literatur- und Theaterwissenschaftler und Mitarbeiter renommierter Verlage. Gemeinsam will man der Operette den Nimbus der lotterigen, meist auch etwas anrüchigen Gebrauchsmusik zu nehmen versuchen und die kulturgeschichtliche Größe der musikalischen Ausdrucksform auch durch einen Strauß praktischer Aufführungen belegen. Dem wissenschaftlichen Beirat, der die Staatsoperette in ihren Bemühungen unterstützen will, Vorurteile und historische Irrtümer zu korrigieren, gehören u.a. Prof. Dr. Michael Heinemann (Hochschule für Musik Dresden), Prof. Hans-Günter Ottenberg und Prof. Dr. Walter Schmitz (beide TU Dresden) an.

Wenn denn von überstandenen Krankheiten die Rede ist, so gilt es, auf den vor anderthalb Jahren erschienen Dresdner Tagungsband "Operette unterm Hakenkreuz" zu verweisen. Die erfindungsreichsten Komponisten, die besten Interpreten des Genres wurden während der Nazizeit aus Deutschland vertrieben und ließen die kleine, immer schon etwas exzentrische Schwester der Oper in einen langen Winterschlaf fallen, während am Broadway neue Formen des populären Musiktheaters Erfolge feierten.

Wenn es nach dem Intendanten Wolfgang Schaller geht, soll die Operette jetzt – in der Folgeveranstaltung der damaligen Konferenz – behutsam wiedererweckt und mit den zur Verfügung stehenden Mitteln aufgepäppelt werden. Da das nur gelingen kann, wenn das Genre ernstgenommen wird, ist Nachdenken über authentische Instrumentation oder typische Gesangstechniken unumgänglich, kurz: eine historisch informierte Aufführungspraxis, die Operette nicht nur als einzigen verlässlichen Wirtschaftsfaktor auf finanziell schwankenden Spielplanbrettern ansieht. Dass die Operette nämlich unter kommerziellen Voraussetzungen eigentlich nur verfälscht rezipiert werden kann, behaupten der Chefdramaturg der Staatsoperette, André Meyer, und Mediendramaturg Uwe Schneider. Sie wollen auf der Tagung nicht nur den historischen Rückblick, sondern auch den optimistischen Ausblick auf die Entwicklung des Genres wagen, sprechen gar von einer "Renaissance der Operette". Angestrebt ist deshalb auch die Etablierung eines regelmäßigen Arbeitsforums, das eine Vision von der Operette des 21. Jahrhunderts entwickeln soll.

Bei alldem wird die Veranstaltung, die unter der Schirmherrschaft des Präsidenten des Deutschen Bühnenvereins steht, Bodenhaftung behalten. Operettenfreunde aus Dresden und über die Stadtgrenzen hinaus sind eingeladen, die Vorträge über Operettenlibretti oder CD-Editionen, über Operette als Massen- oder Gegenwartskultur anzuhören und sich abends in drei Repertoire-Vorstellungen von der Praktikabilität der Ansätze vor Ort in Leuben zu überzeugen. Eine Anmeldungspflicht und Tagungsgebühren entfallen, um möglichst viele Interessenten in die Veranstaltungen zu locken.

Allein der Eröffnungsvortrag verspricht interessant zu werden: es ist kurzfristig gelungen, den neuen Leiter des Europäischen Zentrums der Künste in Hellerau, Dieter Jaenicke, zu verpflichten. Ob dieser den ungebrochenen Optimismus seines Kollegen Schaller teilt? Der ist sich nämlich sicher, dass die Operette Zukunft hat, wenn auch vielleicht in anderer Form: "Es gab Leute, die die antike Tragödie wiederbeleben wollten; damals ist die Oper herausgekommen. Warum sollte uns mit der Operette nicht ähnliches gelingen?" Ob das Publikum eine von allen Moden und sympathischen Macken entschlackte, zeitgenössisch anspruchsvolle Operette überhaupt genießen würde, noch dazu, da sie ihre "Ventilfunktion" als satirisches Vororttheater, das sich lustvoll an der Tagespolitik reibt, vielerorten verloren hat? Die Diskussion wäre eröffnet…

Martin Morgenstern

"Kulturgeschichte Operette". Eine Tagung der Staatsoperette Dresden. Konzeption: André Meyer und Uwe Schneider. 25.-28. Juni 2009. Schirmherrschaft: Prof. Klaus Zehelein. Moderation und Diskussionsleitung: Dr. Reiner Zimmermann. Weitere Informationen unter www.staatsoperette-dresden.de

Eine Druckfassung des Textes ist am 13. Juni in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

(Die drei Bildausschnitte zeigen Ausschnitte aus einer kürzlich in Zagreb wiedergefundenen Orchesterstimme; Quelle: Staatsoperette)

19.06.2009Features