„Das ist keine Sache für den Wahlkampf.“ Eva-Maria Stange über die Schwierigkeiten, mit der Stadt über ein Konzerthaus zu reden

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„Das ist keine Sache für den Wahlkampf.“ Eva-Maria Stange über die Schwierigkeiten, mit der Stadt über ein Konzerthaus zu reden

“Der Kulturpalast sollte für populäre Kunst- und Kulturformen zugänglich bleiben”, meint Eva-Maria Stange (Foto: SMWK)

“Wenn ich mir was wünschen könnte, wäre es ganz sicher ein Dresdner Konzerthaus mit einer eindrucksvollen Architektur.” Sagte wer? Richtig, der

Dresdner Kulturbürgermeister Ralf Lunau (parteilos). Nur, um später im Interview ein Konzerthaus “nicht mal geschenkt” zu wollen. Ähnlich ambivalent muss sich auch Eva-Maria Stange (SPD) ausgedrückt haben. “Neubau für Philharmonie und Staatskapelle? Der Freistaat winkt ab”, betitelte dieselbe Zeitung Ende März ein Gespräch mit der sächsischen Kunstministerin.

Sofort frohlockte die CDU-Fraktion des Stadtrates in einer Pressemeldung fast ein wenig schadenfroh: “Keine Finanzierung für Konzerthaus! Was nun, SPD?” Und man wunderte sich: warum sollte die Ministerin auf einmal vom bisherigen Kurs des Minsteriums abgerückt sein? “In der Diskussion um ein Konzerthaus ist leider einiges durcheinander geraten”, hieß es später aus dem Presseamt des Ministeriums; die Aussagen von Frau Stange seien verkürzt und damit verfälschend wiedergegeben worden. Nun hat Dr. Eva-Maria Stange im Gespräch mit Martin Morgenstern einiges richtiggestellt.

Frau Dr. Stange, in der aktuellen Diskussion, ob ein eigenständiges, von Stadt und Land gemeinsam finanziertes Konzerthaus eine Alternative zum von der Stadt geplanten Kulturpalastumbau darstellen könnte, sind Ihre Aussagen von verschiedenen Stadtratsfraktionen widersprüchlich ausgelegt worden. Halten Sie ein eigenes Dresdner Konzerthaus für Philharmonie, Staatskapelle und hochrangige Gastorchester denn nun für sinnvoll?

Dresden ist ja nicht nur Landeshauptstadt, sondern eine wirkliche Kulturhauptstadt! Insofern halte ich es für notwendig, dass die Stadt ein erstklassiges Konzerthaus hat; nicht nur für die eigenen Orchester, sondern auch als attraktiven Anziehungspunkt für internationale Ensembles.

Würde ein neuer Konzertsaal im Kulturpalast, wie die Stadt ihn plant, diese Funktion erfüllen?

Nach all dem, was ich über das Projekt weiß, würde dieser neue Konzertsaal im Kulturpalast den Möglichkeiten nur eingeschränkt Rechnung tragen können. Ein Konzerthaus sollte ja nicht zuletzt auch architektonisch so gestaltet sein, dass es international als Anziehungspunkt fungiert. Schon deshalb wäre es wünschenswert, wenn sich die Stadt für ein neues Haus entscheiden könnte.

Halten Sie eine Zusammenarbeit von Stadt und Land in dieser Sache für machbar?

Im Moment sehe ich die Möglichkeit einer Zusammenarbeit nicht gegeben, aber lassen Sie mich gleich klarstellen: das liegt ausschließlich an der Stadt! In einem Gespräch mit mir hat die Oberbürgermeisterin Helma Orosz klargestellt: die Stadt will kein neues Haus, sie will den Kulturpalastumbau. Grundsätzlich bin ich aber mittelfristig nach wie vor bereit, mit der Stadt über so ein gemeinsames Projekt zu sprechen.

Stadtrats- wie Landtagswahlen halten ein aktives Handeln offenbar im Moment auf. Was wäre die beste Vorgehensweise, um langes Lavieren und damit eine Pattsituation, was die Tagesarbeit der Dresdner Philharmonie angeht, zu vermeiden?

Zunächst sind die aktuellen Wahlen in diesem Jahr kein Hinderungsgrund, um über so ein Projekt zu reden. Wir sprechen von einem Konzerthaus mit internationaler Ausstrahlungskraft! Das ist keine Sache, die man im Wahlkampf entscheidet; das muss langfristig gut überlegt sein, auch was den Betrieb angeht.

Halten Sie das von der Konzerthaus-Initiative angeregte Finanzierungsmodell für statthaft? Welche Alternativen müssten eventuell geprüft werden?

Das uns vorliegende Projektmodell ist nicht ausreichend, um auf dieser Grundlage ein so großes Projekt anzugehen. Deswegen habe ich immer gesagt, dass wir eine Machbarkeitsstudie benötigen, die verschiedene Investitions- und Betreibermodelle betrachtet. Ich will aber noch einmal klarstellen: nicht das Land, sondern die Stadt forciert momentan Bauaktivitäten. In diese Diskussion möchte ich gern einbringen, dass wir auch ein gemeinsames Projekt gestalten können. Soll denn auch die Sächsische Staatskapelle einen neuen Dresdner Konzertsaal mit nutzen dürfen? Aus meiner Sicht gibt es da verschiedene Konfliktlinien. Wenn das Land Sachsen bei der Planung eine Rolle spielt, ist die Staatskapelle gefragt. Und die fordert, dass ein neuer Saal internationalen Ansprüchen und natürlich auch den eigenen hohen Ansprüchen Rechnung trägt.

Ihre Hand ist in der Sache “Konzerthaus” also nach wie vor an die Stadt zur ergebnisorientierten Zusammenarbeit ausgestreckt?

Ich unterstelle einmal, dass allen Beteiligten daran gelegen ist, das Kulturleben der Stadt Dresden in den nächsten Jahren weiter voranzubringen. Die Frage ist: auf welchem Weg, und mit welchen Möglichkeiten? Da gehen offenbar die Vorstellungen von Stadt und Land momentan auseinander. Hier kann ich nur als Dresdner Bürgerin sprechen: ich verbinde den Kulturpalast mit der Idee eines offenen Hauses, das alle musikalischen Genres anbieten kann. Er ist ein Gebäude, das auch für populäre Kunst- und Kulturformen zugänglich sein und auch bleiben sollte.

Der städtische Kulturbürgermeister Ralf Lunau wirft der Initiative “Kulturpalast erhalten” vor, dass sie keine finanziellen Alternativen vorlegen könne. Den Auftritt von Gastorchestern müsse man ja auch “teuer bezahlen”. Das will mir indes nicht einleuchten: bekäme der Betreiber eines Konzerthauses nicht sogar von der jeweiligen Veranstaltungsagentur eine Abendmiete für Tage, an denen Philharmonie und Staatskapelle pausieren? Das wären doch Einnahmen, keine Ausgaben!

Genau das, was Sie ansprechen, verbinde ich mit einer Machbarkeitsstudie, die vor allen Dingen nicht nur die anfänglichen Investitionen, sondern auch den Betrieb berücksichtigt, und die die auf Stadt und Land zukommenden Kosten seriös in Betracht zieht. Die Kosten für die Einwerbung internationaler Orchester müssen durchgerechnet werden – da hat beispielsweise der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, Jan Vogler, sicherlich große Erfahrung. Und auf der anderen Seite müssen die Einnahmen kalkuliert werden, die man mit so einem Haus schaffen kann.

Könnten denn Stadt und Land gemeinsam Auftraggeber einer solchen Studie sein?

Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Ich halte es aber für ziemlich verlogen, wenn die CDU-Stadtratsfraktion mich jetzt in einer Pressemitteilung auffordert, eine solche Machbarkeitsstudie allein vorzulegen. Die Stadt Dresden profitiert schon heute in sehr hohem Maße von Landeskultureinrichtungen und sollte für ein solches Konzerthaus auf jeden Fall auch in die Pflicht genommen werden.

20.04.2009Interviews