Von Klängen und Körpern, von Freiheit und Struktur – Percussion und Improvisation in der kleinen szene

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Von Klängen und Körpern, von Freiheit und Struktur – Percussion und Improvisation in der kleinen szene

“Kreatives Zusammentreffen von Freiheit und Struktur” (Foto: M. Creutziger)

Allein der Anblick schon nimmt gefangen beim Betreten des Theaterraums der kleinen szene. In großem Halbrund die verschiedenen Perkussionsinstrumente, der Flügel und die kleine Installation mit Plattenspieler

und Rundfunkempfänger. Die Fantasie der Klangvorstellungen, was von solchen Schlag- und Bewegungsinstrumenten der Erschütterung ausgehen mag, bringt Bewegung in Herz und Hirn.

„Kunst-Seele“ , so der Titel dieses außergewöhnlichen Projekts der Dresdner perkussiven spielvereinigung mit Dominic Oelze und Christian Langer, dem Pianisten Matthias Zeller und „DJ“ Tobias Moeck als Gästen, der Tänzerin Anna Merkulova mit ihren Kollegen Jon Vallejó und Maik Hildebrandt vom Dresden SemperOper Ballett. Vorweg gesagt, was dann in gut siebzig Minuten erklingt und schwingt, was bewegt, berührt und Bewegung erzeugt, ist das Geschehen eines beseelten Abends, den leider zu viele Menschen verpasst haben. Es ist am Ende so etwas wie das Hohelied auf das so glückliche wie kreative Zusammentreffen von Freiheit und Struktur.

Die temperamentvoll-rhythmische Komposition „Antiphon for two Drummers“ von Pavl Sarcich eröffnet den Abend und gibt das Thema vor. Immer nämlich geschehe etwas, das Klang erzeuge, so John Cage dessen „CREDO IN US“ von 1942 den Abend beschließen wird, und das Spiel der Hölzer auf gespannten Häuten belegt diese These von der klingenden Bewegung. Die Schwingungen berührter und geschlagener Hölzer, mit Bögen gestrichenes Metall, bestimmen Kompositionen von Peter Klatzow, Iannis Xenakis und Christopher Deane.

Jeweils von der Stimmung der vorangegangenen Stücke ausgehend, nach der Antiphon und Klatzows „Ambient Resonances“, Improvisationen der Tänzerin und der Tänzer. Die Männer in weiten, rockähnlichen Hosen aus schwerem dunklem Stoff mit freien Oberkörpern, priesterlich und kämpferisch zugleich, mönchisch-fernöstlich auch, die Frau schwarz und weiß gekleidet, in der Mitte. Maik Hildebrandt beginnt, aus fast unmerklichen Körperregungen werden Bewegungen, die in den Raum drängen, rituell, beschwörend und feierlich durchmisst er denselben. Das Spiel mit dem Tempo, mit den Brüchen, mit dem Wechsel der Richtungen. Weicher dann die Übernahme durch Anna Merkulova, die Bewegung einer Hand zieht die des ganzen Körpers nach sich als nähme sie das Prinzip der Klänge aus Materialschwingungen auf. Hinzu kommt leichte Virtuosität und in gesteigerter Form, was die Tänzer sämtlich auszeichnet, die Qualität der Konzentration, deren Energie den Raum und alle die darin sind ergreift. In der Spannung zwischen Bewegungen, die in die Höhe gehen, im Augenblick am Boden Fortsetzung finden, Geschwindigkeit in drehenden Sprüngen und knapp über dem Boden vollzogenen flugähnlichen Varianten, Jon Vallejó.

In der Fortsetzung, in Kampf, Konkurrenz und gegenseitigem Auftrieb dann eine Abfolge irrsinniger Bewegungen aus Konzentration und Reaktion, die die Tänzerin und die Tänzer zusammenführt und explosionsartig auseinander streben lässt. Das ist ein momentanes Erlebnis absichtsloser Schönheit, die Reaktion auf einen Ton, auf einen Luftzug, auf den Atem des anderen, die Verwandlung eines Lidschlags in einen Sturm. Das ist die Feier der Freiheit in den Regeln der Verabredungen, das Maß des Umgangs mit den individuellen Maßen von Aggression und Kontemplation, die Würde des Zufalls.

Mit dem Zufall arbeitet John Cage in seiner Komposition, die den Abend beschließt, für zwei Schlagwerker, einem Flügel – präpariert und naturell – dem subversiven Klingeln eines Küchenweckers, Plattenspieler und Radiogerät. Merce Cunnigham und Jean Erdmann waren die Tänzer der Uraufführung 1942. Jetzt ohne Tanz und ohne Staub, denn das Werk kann nicht altern, der Rundfunkempfang ist immer original und sendet im aktuellen Fall die Nachrichten vom Gründonnerstag 2009 um 21 Uhr MEZ in den rhythmisierten Fetzen der Partitur, die ausreichen zu hören, dass die Welt auch 67 Jahren später nicht in Ordnung ist. Ein paar Takte Mozart, dem es vergönnt war, in und hinter allem einen anderen und stärkeren Klang zu hören, am Ende eines lebensnotwendigen Abends aus Kunst und Seele.

Boris Michael Gruhl

15.04.2009Allgemein