„Zu vieles wird zerredet“ – Prof. Manfred Zumpe im Gespräch über die Pläne für ein neues Konzerthaus in Dresden

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„Zu vieles wird zerredet“ – Prof. Manfred Zumpe im Gespräch über die Pläne für ein neues Konzerthaus in Dresden

Vor einigen Wochen hat der Dresdner Architekt Prof. Manfred Zumpe eine Machbarkeitsstudie für ein neues Konzerthaus vorgestellt, das neben der Dresdner Philharmonie und der Sächsischen Staatskapelle auch internationale Ensembles bespielen könnten. Im Gespräch mit Martin Morgenstern schildert der Architekt

noch einmal gangbare Alternativen zum geplanten Umbau des Kulturpalastes, und nimmt auch auf Aspekte einer ganzheitlichen Stadtentwicklung Bezug. Aus seiner Sicht sind viele Entwicklungen der letzten Jahre städtebaulich „total danebengegangen“. Es fehle in Dresden an Größe, moniert Zumpe, und stellt die fachliche Qualität der Verantwortlichen in der Politik in Frage.

Herr Prof. Zumpe, Sie haben vor einem Jahr eine kleine Initiativgruppe gebildet, mit der das Ziel eines Konzerthaus-Neubaus verfolgt werden soll.
Wenn die Verantwortlichen für die Kultur die Stadt Dresden in den obersten Rängen der europäischen Musikkultur erhalten wollen, muss in dieser Beziehung etwas geschehen, sonst werden wir von anderen Städten überholt. In Hamburg, in München, in Stuttgart und Bonn werden neue Konzerthäuser gebaut. Für die weitere Entfaltung der Musikkultur müssen wir schnellstens das nachholen, was andere bereits haben beziehungsweise jetzt verwirklichen.

Wie sähen denn konkrete Lösungsmöglichkeiten für dieses drängende Problem aus?
Gegenwärtig gibt es zwischen Stadt und Land kein gemeinsames Handeln. Die Philharmonie hat ihren Kulturpalast und die Zusage der Stadt, dass die seit langer Zeit beklagte Unzulänglichkeit der Akustik durch den Bau eines neuen Konzertsaals beseitigt wird. Das ist durchaus verständlich; für die Stadt allein wäre es nicht zu bewältigen, neben dem Kulturpalast auch noch ein Konzerthaus zu betreiben, das leuchtet allen ein. Ein neues Haus funktioniert nur, wenn sich Freistaat und Landeshauptstadt an einen Tisch setzen: der Ministerpräsident mit der Oberbürgermeisterin, der Kulturbürgermeister und die Kunstministerin. Zusammen müssten sie noch einmal darüber nachdenken, ob das jetzige Konzept ideal ist.

Wenn man den Kulturpalast mit großem Aufwand herrichtet, hat man am Ende aus Sicht einer progressiven Stadtentwicklung nichts vorzeigbar neues.
Sicher, wenn ich so viel Geld in die Hand nehme, möchte ich auch etwas sehen: ein tolles Haus in einer modernen Architektur, das sich in das große Konzert der Dresdner Dominanten einfügt: Frauenkirche, Hofkirche, Semperoper, Museum usw. Mit einem neuen Konzerthaus würde die Stadt Dresden auch wieder ein großer Anziehungspunkt für die Musikkultur sein, wie sie das in früheren Zeiten war. Man braucht sich nur daran zu erinnern: als Richard Strauss die Uraufführungen seiner Opern inszenierte, wurden Sonderzüge eingesetzt!

“Es wäre nötig, einmal einen großen Schritt zu tun…” Prof. Manfred Zumpes Machbarkeitsstudie für ein neues Konzerthaus

Wenn hingegen das jetzige Konzept der Stadt realisiert wird, hieße das: 2012 begänne der Umbau, und man rechnet mit drei bis dreieinhalb Jahren Bauzeit. Was bedeutet das für die Dresdner Philharmonie?
Sie bräuchte für dreieinhalb Jahre ein neues Quartier; Räume für Dirigenten, Solisten, Musiker, Chorsänger, Garderoben, Instrumente, Probenräume etc. müssten „evakuiert“ werden. Da fragt sich: wohin? Man kann sich natürlich vorstellen, dass das ein oder andere Konzert in der Frauenkirche, der Kreuzkirche oder dem Kongresszentrum stattfindet. Man müsste mit großem Aufwand die schweren Instrumente hintransportieren. Ich fürchte, dass die Philharmonie darunter sehr leiden würde. Während der Bauzeit wird zudem ein voll funktionsfähiger Mehrzwecksaal, den viele lieben (vor allem die Fans der Unterhaltungsmusik) erst einmal vernichtet – was viele Millionen kostet! – und dann wird in das Gehäuse ein neuer Saal eingebaut. Mir mutet es an, wie wenn man einem Patenten, dessen Herz gut schlägt, ein neues implantiert. Wolfgang Hänsch, der Architekt des Kulturpalastes, spricht von einem „Schildbürgerstreich“.

Wie schnell wäre die Vision von einem neuen Konzerthaus denn zu verwirklichen?
Wenn tatsächlich alle Ämter und Institutionen (Stadtplanungsamt, Bauaufsichtsamt, Grünflächenamt, Verkehrsamt usw.) angehalten werden, in einem verkürzten Verfahren die Voraussetzungen zu schaffen, müsste das in zwei Jahren möglich sein. Es müsste ein Wettbewerb ausgeschrieben werden. Dann könnte die Planung beginnen. Dann rechnen wir mit einer Bauzeit von 27 Monaten, hinzu käme eine Probezeit des Betriebs von mindestens zwei Monaten. 2013 könnte die Philharmonie ohne dieses belastende Interregnum in das fertige Haus einziehen und es gemeinsam mit der Staatskapelle betreiben.

An welchem Standort könnten Sie sich ein solches Haus vorstellen?
Der schönste Standort wäre das Areal zwischen Blockhaus und Finanzministerium, mit dem faszinieren Blick auf die berühmte Altstädter Elbfront, das “Narrenhäusl”-Gelände. Dort ist ohnehin von Seiten des Stadtplanungsamtes ein öffentliches Gebäude vorgesehen. Nichts würde dort besser hinpassen als ein Konzerthaus! Es würde im Blickpunkt der Brühlschen Terrasse stehen und wäre eine glückliche Bereicherung der Neustädter Elbfront: Japanisches Palais – Hotel Bellevue – Blockhaus – Finanzministerium – Staatskanzlei. Damit wäre der Stadtentwicklung Dresden ein großer Schritt gelungen.

Ein alternativer Entwurf für ein neues Konzerthaus am Elbufer (© Oliver Weber, Institut für Gebäudelehre und Entwerfen der TU Dresden)

Der parteilose Kulturbürgermeister Ralf Lunau will ein solches Konzerthaus laut einem Interview in einer Dresdner Tageszeitung „nicht mal geschenkt“ und redet bisher nicht mit dem Land. Verstehen Sie das?
Das liegt an einer gewissen Provinzialität. Es wäre ja nötig, einmal einen großen Schritt zu tun und etwas zu schaffen, womit Dresden an Berühmtheit zulegen könnte. Wir haben deshalb an den Ministerpräsidenten geschrieben und dringend gefordert, zusammenzugehen. Wenn das nicht gelingt, würde die Staatskapelle weiter in der Semperoper spielen und die Philharmonie würde im Kulturpalast bleiben. Es ist ein großer Lapsus, dass man hier noch nicht erkannt hat, was Dresden hier für eine Chance hat. Man könnte die Voraussetzungen schaffen, dass berühmte Orchester aus aller Welt gerne nach Dresden kommen!

Im Juni wird der Dresdner Stadtrat gewählt, im Herbst folgt eine Neubesetzung der Landesregierung und damit auch des Kunstministeriums. Erwarten Sie, dass sich vor 2010 überhaupt noch etwas im Konzerthausstreit bewegt, dass die Kulturschaffenden mit ihren Vorstellungen durchdringen?
Es war für uns sehr enttäuschend, dass unsere Initiative, die ich anfangs mit Professor Heinz Diettrich – versehen mit wichtigen Argumenten – den Bürgermeistern und Fraktionsvorsitzenden zugeleitet habe, keine Beachtung fand. Auch ein gemeinsamer Brief der berühmtesten Dresdner Musiker (Theo Adam, Hartmut Haenchen, Ludwig Güttler, Peter Schreier, Peter Rösel, Fabio Luisi, Jan Vogler) wurde nicht beantwortet. Vielleicht liegt es daran, dass es den Verantwortlichen an der nötigen Begeisterung für die klassische Musik mangelt? Wir hoffen aber, dass sich in nächster Zeit etwas verändert. Es gibt erste Zeichen dafür. Wenn die Vernunft siegt, müssen die Verantwortlichen von Stadt und Land gemeinsam an die große Aufgabe herangehen.

Vielleicht hülfe ja etwas mehr öffentlicher Druck?
Wir wollen noch Ende April eine große Podiumsdiskussion inszenieren, wo wir die Verantwortlichen einladen. Dort wollen wir das Thema noch einmal in einer großen Öffentlichkeit von verschiedenen Seiten beleuchten. Und dort sollen viele zu Wort kommen: die Orchesterdirektoren, die Veranstaltungsspezialisten. Natürlich soll die Staatskapelle ausführlich gehört werden, die bisher – laut Fabio Luisi – nur sehr wenig einbezogen wurde. Wir hoffen, dass mit einer solchen Öffentlichkeit die Wege geebnet werden, die wir brauchen, um zum Ziel zu kommen.

Warum sperrt sich die Philharmonie gegen Ihre Konzeptionen?
Weil der Intendant, Anselm Rose, mit dem Angebot der Stadt den Sperling in der Tasche hat – und an die Taube auf dem Dach glaubt er nicht. Er hat aber auch keinen Versuch unternommen, die nötigen Kontakte zu knüpfen. Die Staatskapelle dagegen spricht sich unbedingt für die Konzerhauslösung aus. Fabio Luisi und der Orchesterdirektor Jan Nast haben uns das mehrmals bestätigt.

Fabio Luisis öffentlich erklärtes Ziel war ja bereits zu seinem Amtsantritt, alles erdenklich möglich für ein neues Haus zu tun, in dem die Staatskapelle konzertieren könne!
Schon Karl Böhm, der die Staatskapelle von 1934 bis 1943 dirigierte, hat in seinen Lebenserinnerungen beklagt, dass Dresden kein Konzerthaus hat.

Über die Akustik des großen Kulturpalast-Saales ist schon lange kein versöhnliches Wort mehr gesprochen oder geschrieben worden. Musste sich die Philharmonie denn quasi seit ihrem Einzug mit klanglichen Kompromissen abfinden?
Unsere Hörgewohnheiten wandeln sich über die Jahre. Aber die Klangqualität eines Konzertsaales ist sowieso immer etwas unterschiedlich zu bewerten. Es gibt keine einheitliche akustische Qualität, jeder Saal hat Vorzüge und Nachteile. Auch im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins herrschen für bestimmte Aufführungen schlechte Bedingungen. Aber da sagt man heute: man kann ja durch technische Möglichkeiten die Akustik verbessern, den Saal „ertüchtigen“. Da wäre es schon zu überlegen, ob man den Saal so lässt wie er ist, weil er von Millionen Menschen in der jetzigen Form erlebt worden ist und geliebt wird. Die klassische Musik bewältigt ja überhaupt nur einen geringeren Anteil an Veranstaltungen dort.

Und aus städtebaulicher Sicht betrachtet?
Der Kulturpalast hat einen sowohl materiellen als auch ideellen Denkmalswert. Der Geschichtswert, der durch den 40jährigen Gebrauch des Hauses entstanden ist, in dem viele Zuschauer tolle Konzerte erlebt haben, schafft einen ideellen Wert über die bauliche Substanz hinaus. Im übrigen muss einmal gesagt werden, dass der Saal in den letzten Jahren schlechtgeredet wurde. Es gibt viele prominente Persönlichkeiten, die den Saal großartig fanden.

“Es fehlt in Dresden etwas an Größe.” (Visualisierung: Oliver Weber)

Die Stichworte Waldschlösschenbrücke, Dynamo-Stadion oder „Wiener Loch“ mögen genügen: irgendwie hatte die Stadt in den letzten Jahren kein sehr glückliches Händchen, was eine umsichtige, ganzheitliche Stadtentwicklung angeht.
Das ist begründet in der fachlichen Qualität der Verantwortlichen, liegt aber auch an einer mangelnden Abstimmung untereinander, vor allem aber an dem Vermögen, etwas größer zu denken. Es liegt natürlich auch an der Parteiendemokratie, weil vieles in den Gremien der Parteien zerstritten wird und nicht vorangebracht wird: wenn die CDU das will, ist die SPD dagegen, usw. Dieses Gezänk ist sehr frustrierend. Es fehlt in Dresden etwas an Größe. Andererseits muss man auch gestehen, dass einige gute Sachen gebaut worden sind: der Landtag, die Synagoge oder das Kongressgebäude, die Palucca-Schul-Erweiterungsbauten, das St.-Benno-Gymnasium, auch viele Universitätsbauten – da gibt es schon tolle Beispiele. Aber ist gibt auch wirklich beklagenswerte Entwicklungen: der Postplatz, oder die Quartiere südlich des Altmarktes. Das ist total danebengegangen.

Eigentlich bräuchten wir ein kleines bisschen Monarchie für eine integrative Stadtentwicklung.
Ja, zu vieles wird zerredet. Das ist natürlich im Feudalismus einfacher gewesen. Wenn August der Starke kein Geld hatte, hat er besonders gern gebaut. Deswegen sollten wir jetzt nicht die Demokratie abschaffen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Parlamente durch eine höhere Qualität ihrer Arbeit auch zu besseren Ergebnissen kommen könnten. Nur nicht in dieser Streitkultur, die sich hier breitgemacht hat.

02.04.2009Interviews