Bis zum allerletzten Takt: »Jazzwelten«-Publikum war hin- und mitgerissen

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Bis zum allerletzten Takt: »Jazzwelten«-Publikum war hin- und mitgerissen

Merken: Mahanthappa und Mauger! (Foto: Andre Souroujon)

Wenn zum Abschluss der diesjährigen „Jazzwelten“ ein Doppelkonzert mit zwei phänomenalen Bands angesagt ist und sich dennoch eine einzige Person durchgängig die Hauptrolle gebärdet, ist das entweder ziemlich bemerkenswert

oder absolut rücksichtslos.

Die Veranstalter der Jazzwelten haben zum Schluss ihres 5. Festivals noch einmal auf namhafte Größen gesetzt und hielten vor Ort dennoch Entdeckungen parat. Sowohl die schweizerisch-österreichisch-russische Formation Pago Libre als auch das indisch-amerikanisch besetzte Trio Mauger von und mit Rudresh Mahantappa sind längst in führenden Jazzzentren angekommen – in Dresden gaben sie nun ihr Debüt. Und haben damit leider schon die Schlussakkorde dieses Jahrgangs gesetzt, der (nach „Grenzgängen“ und „Zeitsprüngen“) die thematische Trias mit „Spannungsfeldern“ beschloss. Zugegeben, ein Jazzfest, das diesen Namen nicht erfüllte, wäre kein Jazzfest. Doch spannend ist es allemal zugegangen auf diesem jazzigen März, so auch am krönenden Wochenende kurz vorm verordneten Ausbruch der Sommerzeit.

Dresdner Debüt: Pago Libre

Enorme Spannungsfeldstärke herrschte bereits am Freitag im Kulturrathaus, als zunächst das recht kammermusikalisch gestaltende Ecstasy Project und anschließend Sing Sing Penelope agierten. Beides sind zwar Unternehmen desselben Musikers, des polnischen Schlagzeugers Rafal Gorzycki, doch wirkten sich die ästhetischen Konzepte dieses innovativen Kopfes recht verschieden aus. Spröde, bizarr und fragil die Band des ersten Parts, fulminant, expressiv und rhythmisch trance-artig die des zweiten. Was aber beide verband, war die durchgängig eher melancholische Themenwahl – liegt dies etwa im Osten Europas begründet?

Fotos (2): Nancy Horowitz

Hoch- und Höchstspannung dann auch Tags drauf zum krönenden Abschluss. Am regnerischen Nachmittag noch unter freiem Himmel, doch vor bei Gratiseintritt zahlreich staunendem Publikum im Zwinger, wo der aus Russland gebürtige Alphornist Arkady Shilkloper mit dem vom Iren John Wolf Brennan bedienten Glockenspiel frei ins Gewölk improvisierte. Eine Premiere höchster Exklusivität. Beide erhitzen des Abends dann die neustädtische Tonne, wo sie gemeinsam mit den beiden Wienern Tscho Theissing (Violine und Gesang) und Georg Breinschmid (Bass) aufregende Taktmaße stanzten. Selbst eine Polka schreckte sie nicht und begeisterte auch das hin- und mitgerissene Publikum, das auf Zugaben nicht verzichten wollte.

Daher verzögerte sich der heiß ersehnte Auftritt von Rudresh Mahanthappa und seinem Trio Mauger. Die Mannen spielen in sinfonischen Bögen, gestalten ihre eskapadenreichen Epen der Musik so klassisch wie originell und lassen vor allem über die musikantischen Eigenheiten staunen. Gerry Hemingway zeigt nicht nur, dass ein Schlagzeug auch als Blasinstrument zu bedienen ist, er drischt geradezu jenseitig und findet immer neue Klangmöglichkeiten an seiner gigantisch geforderten Bude. Bassist Mark Dresser setzt – wie zuvor bei Pago Libre Georg Breinschmid – das Instrument des Grundtons virtuos als Melodieträger ein, zupft und streicht in unglaublichen Geschwindigkeiten, dass manchem Eventgeiger schwindlig werden dürfte. Meister Mahanthappa selbst aber verblüfft alle, die schon mal etwas von Atemtechnik gehört haben. Was er in einem ganzstündigen Stück an Tönen und Farben hervorzaubert, ist enorm, aber wie selten und kürzer als kurz er zum Luftholen absetzt, scheint kaum nachvollziehbar zu sein. Der 37jährige Sohn indischer Eltern ist in den USA aufgewachsen und zählt wohl heute schon zu den absolut führenden Saxofonisten – und führend meint hier wirklich nur eine Handvoll. Sein erst zweites Deutschlandkonzert hat dies eindrucksvoll bestärkt und zählte zu den Sternstunden der „Spannungsfelder“.

“Spannungsfelder” auch an der Bar: wenn der Barkeeper die akustische Hauptrolle spielt (Foto: M. Morgenstern)

Selbst in dieses energiegeladene Trio mischte sich aber oben erwähnte Hauptrolle. Das Publikum folgt atemlos dem Klangmaterial – der Barkeeper kramt in der Blechkasse mit Kleingeld. Die Luft in der Tonne scheint zu brennen – der Barkeeper kämpft mit der Kaffeemaschine. Die Musiker fiebern höchst konzentriert um jede Note – der Barkeeper spült Gläser. Es gibt beim besten Willen immer noch was zu verbessern!

Aldo Lindhorst

Eine Textfassung des Artikels ist am 30.3. in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

31.03.2009Allgemein