Der alte Mann und das Eis – Eine Winterreise der besonderen Art

Rezensionen

Der alte Mann und das Eis – Eine Winterreise der besonderen Art

Die neue Winterreise – ein “Versuch einer Annäherung” (Foto: T.B.)

Was sich schlicht „Ein Konzert mit Puppenspiel“ in der Ankündigung nennt, ist am Ende ein hochsensibler Abend, dessen emotionalem Anspruch man sich nur schwer entziehen kann. Franz

Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“, nach Gedichten von Wilhelm Müller, den er selbst einen „schauerlichen Zyklus“ nannte, hat immer wieder dazu gereizt, der Musik szenische Kommentare beizugeben. In Dresden brachte Annette Jahns ihre optischen Deutungen der Lieder auf die Bühne der kleinen szene. Als Musik für die letzte seiner Choreografien wählte Uwe Scholz kurz vor seinem Tod Lieder der „Winterreise“; und im letzten Dezember verlegte ein Sänger in München seine Interpretation in die Welt obdachloser Menschen. Die Zahl der Aufnahmen des Werkes ist enorm, dabei bestechen nicht die mit dem Anspruch höchster Vollkommenheit, sondern eher jene, die Brüche zulassen, das Scheitern nicht kaschieren und auf den Edelton gänzlich verzichten.

Im ohnehin engen Saal des KulturHauses Loschwitz ist alles weiß verhangen, der Flügel weiß eingepackt. Alles Eis. „Barfuß auf dem Eise…“, heißt es im letzten Lied, steht der alte Mann. Dieser alte Mann ist eine Puppe mit traurigem Antlitz, die von Jan Mixsa geführt wird. Aber immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen dem Spieler und dem Gespielten. Mixsa ist jung, im besten Alter. Sein „Alter“, den er so zärtlich führt, führt ihn und uns in eine Abfolge von Erinnerungen, die da beginnen, wo er fremd ein- und wieder auszieht, „gute Nacht“ ans Tor der Liebsten schreibt, „Damit du mögest sehen, an dich hab ich gedacht.“ Mixsa, bzw. der „Alte“ in seiner Hand, in seinem Arm, an seiner Schulter, beginnt zu singen und eine junge Frau in Weiß mit romantischer Lockenpracht betritt seinen Raum und singt mit ihrer schönen schlanken Mezzosopranstimme.

Franziska Dillner-Koch gibt den Erinnerungen des alten Mannes Stimme und Gestalt. Anna Böhm am Klavier baut das Fundament, sie bestimmt Tempo, gewisse Abstufungen und setzt immer wieder den Schlusspunkt. Sie hat als Begleiterin der Irrenden eine Partitur vor Augen, was soviel bedeuten mag, als Frost und Kälte letztlich doch nicht obsiegen werden. Direkt und ohne Manierismen singt Franziska Dillner-Koch. Wegen des kleinen Raumes mag man einen Salon assoziieren, Musizieren im Freundeskreis. Sprengten da nicht immer wieder durch das Spiel die Assoziationen und Emotionen die räumliche Enge. Es sind kleine Bilder, es sind nur Andeutungen, wenn der Alte einen knorrigen Baum ins Eis pflanzt, der sogar ein tröstendes Blatt vom Baum der wartenden Himmelskomiker Wladimir und Estragon trägt, den einst Beckett, Heiland der Heillosen, auf die Weltbühne pflanzte, dessen Holz gut ist für ein Grabkreuz. Wenn die Sängerin blumenüberstreut zur Vision einer Braut wird, deren Weg vom Altar zumindest über den Friedhof führt, schmilzt das Eis. Das naive Spiel mit leuchtendem Irrlicht ist ebenso originell wie das direkte Schattenspiel zum Lied vom Wurm, der sich regt mit heißem Stich. Nichts ist perfekt. Alles hat performativen, geträumten Charakter, ist eine Abfolge von Versuchen, sich anzunähern an die Stationen einer letzten Reise.

Franziska Diller-Koch, Anna Böhm und Jan Mixsa begeben sich noch dreimal auf ihre Winterreise: am 27., 28. und 29. Januar, jeweils um 20.00 Uhr, im Japanischen Palais, im Landesamt für Archäologie.

Boris Michael Gruhl

28.01.2009Rezensionen