„Künstlerische Risiken nicht scheuen“ – Udo Zimmermann blickt auf die Zeit als Intendant in Hellerau zurück

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„Künstlerische Risiken nicht scheuen“ – Udo Zimmermann blickt auf die Zeit als Intendant in Hellerau zurück

Prof. Udo Zimmermann (Foto: M. Creutziger)

Udo Zimmermann, 1943 in Desden geboren, war Kruzianer und studierte anschließend an der Dresdner Musikhochschule Komposition, Dirigieren und Gesang. 1978 wurde er als Professor für Komposition an "seine" Hochschule berufen, und leitete – nach verschiedenen beruflichen Ausflügen nach Leipzig und Berlin – ab 2003 das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau. Für »Musik in Dresden« zieht der zum Jahresende scheidende Intendant Bilanz.

Mein persönliches Resümee der fünf Jahre als Intendant des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau fällt außerordentlich positiv aus. Ich konnte hier an das anknüpfen, was ich schon als Direktor des Dresdner Zentrums für zeitgenössische Musik, als Opernintendant in Leipzig und Berlin und als Künstlerischer Leiter der musica viva München vertreten habe. Wir haben immer wieder Zeichen gesetzt für Neue Musik, die sich mit neuen Klängen in neue Ausdrucksbereiche begibt. Beispiele sind Chaya Czernowins großes Werk für den Dresdner Kreuzchor “Pilgerfahrten”, unsere Stipendiatenprojekte und zahlreiche Uraufführungen von Komponisten wie Mauricio Kagel, Gerhard Staebler und anderen. Mit einer Reihe von Eigenproduktionen förderten wir neues Theater und Musiktheater, auch Installationskunst und Bildende Kunst und ließen dabei Künstler verschiedener Genres in Laborsituationen miteinander arbeiten. Erinnern möchte ich besonders an die Theaterprojekte von Carsten Ludwig und Peter Meining, an das Musiktheater “Niebla” von Elena Mendoza Lopez, an die Musiktheaterprojekte von Maria de Alvear und Helmut Oehring, an das Akademieprojekt mit Manos Tsangaris. Immer wieder haben wir uns mit wissenschaftlichen Veranstaltungen in den Diskurs begeben.

Die Arbeit hier war nicht nur eine besondere Herausforderung durch die unikale Tradition des Ortes, durch seine architektonischen und vielen anderen Besonderheiten. Es ist keine Kontinuität zu leisten gewesen angesichts der Bauphasen, die immer wieder Brüche in unsere Arbeit gebracht haben. Die bauliche Sanierung hätte man im Interesse des Spielbetriebes besser in einen einzigen großen Zeitraum gepackt. Vieles ist nicht zustande gekommen aus defizitären Situationen, die uns in schwierige Pendellagen gebracht haben, manche Projekte anzugehen und dann wieder davon Abstand zu nehmen.

Unsere Arbeit hat die Unterstützung zahlreicher Partner und Stiftungen gefunden. Wir waren in große internationale Kooperationsprojekte eingebunden, die meisten davon durch uns initiiert. In zwei wichtigen, mehrjährigen Förderprojekten der Bundeskulturstiftung sind wir dauerhaft integriert: im Tanzplan Deutschland und im Netzwerk Neue Musik. Mit der in Hellerau ansässigen Forsythe Company, der TMA, dem Deutschen Werkbund Sachsen, dem Bewegungstheater DEREVO und nicht zuletzt der Sächsischen Kulturstiftung hat sich eine intensive, freundschaftliche Zusammenarbeit entwickelt. Kooperationen mit der Hochschule für Musik Dresden, Semperoper, Palucca Schule, dem TJG, der Sächsischen Akademie der Künste und der Dresdner Philharmonie gehören zum Alltag in Hellerau. Eine der wichtigsten Erfahrungen ist, dass auch die Kulturpoltiker der Stadt Dresden verlässlich hinter dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau standen und weiter stehen.

Heute ist Hellerau auf dem Wege, wieder zu einer bekannten Adresse für Kunst zu werden, die neue ästhetische Erfahrungen und gleichzeitig gesellschaftliche Relevanz sucht. Mit einem hochengagierten Team konnte ich vor allem beweisen, dass Avanciertheit absolute Priorität haben muss und der einzige Weg ist, dem Festspielhaus wieder zu europäischer Geltung zu verhelfen. Wir dürfen künstlerische Risiken nicht scheuen. Das an erster Stelle möchte ich allen weitergeben, die für Hellerau in Zukunft Verantwortung übernehmen.

Udo Zimmermann

27.12.2008Features