Die Operette spielt sich selbst – »La Périchole« in Leuben

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Die Operette spielt sich selbst – »La Périchole« in Leuben

Gerd Wiemer (Don Andres), Karolina Piontek (Mastrilla), Svea Johnsen (Guadalena)

Kalkutta liegt am Ganges, Paris liegt an der Seine und Lima an der Elbe. Wer’s nicht glaubt, muss nur nach Leuben fahren und in die Staatsoperette gehen.

Hier gibt es jetzt als Neuinszenierung »La Périchole« von Jaques Offenbach. Der nämlich, mit seinen Textdichtern Ludovic Halévi und Henri Meilhac, verlegte sein Werk voller Anspielungen auf das Paris seiner Zeit von 1874 und die Zustände unter Napoleon III. in die damals fast unerreichbare Exotik eines fernen Landes wie Peru und dessen Hauptstadt Lima, zurückdatiert um ein ganzes Jahrhundert, unter spanischer Herrschaft.

Für Michiel Dijkema, der das Werk jetzt als Bühnenbildner und Regisseur mit Ernst Theis am Pult des Orchesters in die Dresdner Szene gesetzt hat, ist der fantastische Ort der Illusionen, der Exotik, des Spottes und der den Augenblick genießenden, feuchten Fröhlichkeit das Theater selbst und ganz speziell das Haus der Staatsoperette Dresden. Diese steht auch auf der Leubener Drehbühne, ein wenig pittoresk in der Verkleinerung, als Hintergrund für die Szenen des Straßentheaters, vergoldet als Palast und auch vergittert als Gefängnis, in dem man schon mal verhungern kann, und über dem ganz unverhofft die finstre Nacht hereinbrechen kann. Mit Filmsequenzen a la „Laterna magica“ geht es von der Straße ins Theater und darin auf die Straße und doch in eine Art der Exotik, zu der auch die Kostüme von Claudia Damm beitragen.

Gritt Gnauck (Périchole), Gerd Wiemer (Don Andres)

Die Staatsoperette spielt sich selbst, das Theater um sie herum gehört dazu. Das Theater hinter den Kulissen auch, und der Anspruch des Theaters, in politischen Dingen immer schon gewusst zu haben, wie ein Staat zu lenken sei, auch. Der optische Einfall ist gelungen. Inhaltlich wird es schon schwieriger. Peter Ensikat hat eine neue Übersetzung verfertigt. Jetzt kann ja alles gesagt werden. Nichts mehr muss entschlüsselt werden. Bühne frei für den Rundumschlag. Denen da oben wird’s gegeben, denen da unten wird’s genommen. Beste Grüße an Peter Sodann: Peter, Dein Theater lebt, wir brauchen dich. Die da oben werden hoch genommen und die da unten zum Ideal erhoben.

Das alles wird in Dijkemas Inszenierung zum totalen Staatstheater, in dem die Operettenstaatsmacht kraft ihrer Allmacht in Gottes eigenem Land unter dem Schutz der eigenen Grundgesetzte das eigentliche Volk bereits total verbannt hat, es gleich selber spielt, und sich so am besten selber feiern kann. Zur Verbannung braucht man eben keine Kerker, wenn Trinken vor Denken geht, und die permanente Suche nach Superstars zum Bildungsgipfel führt. Da kommt dann doch der alte Operettentrick von der versteckten Anspielung ins Spiel, dieweil es Ensikat per Botschaft des Textes direkter mag: Sicherheit und Grundgesetz, Terroristen, Unterschlupf und Unterschlüpfer, Notstand und Notstandsgesetze. Es wird nicht ganz aktuell, aber akut leider auch nicht. Wir haben zu rasch verstanden, welch populärer Wind hier auf dem Allgemeinplatz vor der Operette weht. Zum Sturm reicht es nicht. Die Witze knistern nicht, die Funken sprühen selten, ehe sie überspringen sind sie in ihrer Wirkung verpufft wie der verschämte Auftritt eines Feuerspuckers.

Jeannette Oswald (Berginella), Gerd Wiemer (Don Andres)

Was bleibt? Wie so oft, die besten Erinnerungen an alle, die ausführen, was sich andere für sie ausgedacht haben. So geht die Geschichte von der so couragierten wie pragmatischen Straßensängerin und ihrem so unpraktischem wie eifersüchtigem und an Idealen laborierendem Geliebten und Berufskollegen am Ende doch durch Herz und Magen und es siegen große Ironie, vereint mit schönem Selbstbetrug, im Glauben daran, dass die Kunst läutere. Allein was tut’s, wenn der Magen nicht mehr knurrt, und man wieder singen kann was man will und wo man will. Und wer denkt in der Operette schon an das was kommt. Die Natur macht doch die besten Witze. Sabine Brohm gibt als wohlbeleibte Périchole ein schönes Beispiel ihrer Kunst, wenn sie so wahrhaft herzerweichend vom Hunger singt. Marc Horus an ihrer Seite, den die Eifersucht zum Strick und in den Kerker treibt, muss am Ende weder ohne seine Geliebte vor Kummer, noch mit ihr, vor Hunger sterben, sondern erhält mit ihr das wahre Brot des Künstlers, den Beifall, in reichem Maße. Und er nimmt ihn entgegen, stolz wie ein Spanier. Don Andres, der Vizekönig von Peru, ausgerechnet als Arzt verkleidet, macht gerne Jagd auf die Schönen des Landes. Gerd Wiemer spielt und singt einen liebenswerten Schurken, und es könnte scheinen, dass Périchole als Objekt seiner Begierde seinem Ansinnen nicht nur zum Schein und magengesteuert folgt, sondern ein wenig auch seinem Charme erliegen könnte. Bernd Könnes und Marcus Günzel als Graf Panatellas und Don Pedro, stützen in komischen Tiraden mit viel Lust am Spiel die wankende Staatsmacht und vor allem sich selber. Dazu ein großes Ensemble, samt Damen und Herren des Chores, auf schmalen Grat zwischen Operettenkulisse und Orchestergraben, vorwiegend rampennah in fleißig arrangierten Bildern, bei denen wiederholt durch das Ersteigen eines Tisches die Höhe der Gestaltungskunst markiert wird. Am Ende ist ja alles doch ganz gut. Ins Schwarze gezielt, ins Blaue getroffen, Publikum erreicht, geklatscht wird im Takt.

Boris Michael Gruhl

Der Artikel ist am 27. Oktober in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

Fotos (3): Kai-Uwe Schulte-Bunert

Weitere Aufführungen: 29.10.; 18., 19.11.; 13., 14.12.

Am 09. Und 10. November ist eine Aufzeichnung der Premiere hier kostenfrei zu sehen.

29.10.2008Allgemein