17. Tanzwoche – Dresden mit Tanz-Lust gegen Tanz-Frust

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17. Tanzwoche – Dresden mit Tanz-Lust gegen Tanz-Frust

Zeitweise sah es so aus, als würde die Internationale Tanzwoche Dresden aufgrund permanenter Finanzierungsschwierigkeiten nicht überleben können. Doch sie hat sich immer wieder aufgerappelt. Und konnte, musste mit dem Entgegenkommen jener rechnen, die eh nur von Luft, Liebe und Brosamen

leben: Tänzern der freien Szene, freischaffenden Künstlern, Performern, Musikern, Filmemachern… Zwar fördern der Freistaat Sachsen und die Stadt Dresden das Festival mit konstanter Freundlichkeit, doch halt keinesfalls ausreichend, und den Veranstaltern und Mitwirkenden bleibt bei Strafe des Untergangs keine andere Chance, als sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Schlimm genug ist es, dass sich 2007 mit dem zehnten Jahrgang so ziemlich aussichts- und mittellos das Festival Tanzherbst Dresden verabschieden musste, und bezeichnenderweise hat sich auch kaum einer für den Fortbestand stark gemacht. Vielleicht wachen manche erst auf, wenn es im November 2008 tatsächlich nicht mehr stattfindet. Und das trifft natürlich ebenso die freie Tanzszene, gibt es doch, wenn sich Auftrittsziele und –möglichkeiten verringern, für sie immer weniger Anreiz, hartnäckig ums Überleben zu kämpfen.


Insofern ist es eine erfreuliche Nachricht, dass die 17. Tanzwoche Dresden in jeder Hinsicht unter einem guten Stern gestanden hat. Zwischen dem Auftakt mit dem eindringlichen Leipziger Projekt „ZeitSpünge“ von Heike Hennig & Company im Theater Junge Generation und dem Abschluss mit der vielseitigen Gala zum Welttag des Tanzes im Schauspielhaus bot das Festival 2008 – gut gestaffelt und überschaubar – diverse Aufführungen, Begegnungen, Anregungen. Und auffällig viele Premieren, sowohl als Eigenproduktionen wie auch bei koproduzierten Projekten. Zum Beispiel dem Drei-Städte-Projekt „Helden Haft“ mit Tänzern und Choreografen aus Dresden, Prag und Essen.

Eine Art Stationentheater im „6-Tage-Rennen“, bei dem drei Choreografen aus den beteiligten Städten – sie repräsentieren zugleich Tanzfestivals ihrer Regionen – in jeweiliger Ortsverschiebung mit ihnen bislang nicht bekannten Tänzern arbeiten. Das Besondere daran ist, sie hatten nur jeweils sechs Tage Zeit für die Proben, und das diesjährige Thema „Helden Haft“ war ihnen gerade mal zwei Tage vor Probenbeginn mitgeteilt worden. Da blieb nicht viel Raum für langes Überlegen; die Teams mussten rasant auf der „Kurzstrecke“ ihr Bestes geben. Herausgekommen ist eine erquickliche Dreivielfältigkeit, die phasenverschoben im Juli ebenso zum „Pro Art Festival“ in Brno/Prag sowie im September bei „638 Kilo Tanz und weitere Delikatessen“ in Essen gezeigt wird.

Eine so tragfähige Idee wird sicher Bestand haben, lässt sich in veränderter Besetzung stets aufs Neue ausprobieren. Gelungen ebenso das von Boris Michael Gruhl bestens konzipierte kleine, feine Tanz-Symposium im Societätstheater. Ein erfreulich offenes, in keiner Weise trocken-theoretisierendes Zusammentreffen, an dem sich auch Studentinnen der Palucca Schule Dresden – Hochschule für Tanz beteiligten. Und das hoffentlich der Beginn ist einer sich fortsetzenden Begegnungsform, was nicht allein nur für die Tanzwoche, sondern überhaupt für den Tanz in Dresden wichtig wäre..


Unbedingt erwähnenswert das Gastspiel von KREPSKO, einer Theatergruppe aus Prag, die es versteht, absolut pointiert, witzig, beredt-„schweigsam“ Geschichten zu erzählen. Da scheint ein Wiederkommen unausweichlich, wie es überhaupt ein Plus des 17. Jahrganges ist, dass es sich verstärkt auf das Prager Tanzpotenzial besonnen hat. Nicht minder bewähren sich auch die bereits über Jahre geknüpften Bande zur Leipziger „tanz-scene“. Mit dem Gastspiel-Auftakt „ZeitSprünge“ – ein sensibel-stimmiges Tanzstück von Heike Hennig & Company – waren der „Tanz-Lust“ geradezu programmatisch Tür und Tor geöffnet; kein Moment der Aufführung ist verschenkt, nichts verkünstelt oder endlos hingezogen, und Worte sind sparsam, markant eingesetzt. Auch musikalisch wurde da kein elektronisches Fertiggericht serviert; aufmerksam und für alle sichtbar reagierte Connie Müller am Pult auf das bewegte Bühnengeschehen. Und es brauchte keine Ewigkeit, bis der Funke übersprang; spätestens, wenn die herrliche Ursula Cain als Kronprinzessin der gemischten Gruppe mit Tänzern zwischen 18 und 81 Jahren die ihr zugereichten „Pakete“ mit einer fröhlich-befreienden Geste ins Publikum „wirft“, weiß man, wie ansteckend solche Lebens- und Tanzlust sein kann. Hier darf jeder so sein, wie er ist, sich mit seinen Stärken zeigen, egal, ob es um Break Dance, Hip Hop, Modernen Tanz oder Klassischen Tanz geht. Zu dieser Produktion entstand auch der Film „Tanz mit der Zeit“ von Trevor Peters, der sehr zu empfehlen ist.

Dass die Dresdner auch gern ihr eigenes Süppchen kochen, weiß man ja, und so war es gut, dass sich beim diesjährigen Festival immer wieder „angereiste“ Qualitäten mit ihrer Tanz-Lust ins Gesamtgefüge eingemischt haben. In der Art etwa der uns längst vertrauten Schweizer Compagnie Drift, die allzeit für Überraschungen sorgt, und das mit hervorragenden Tänzern. Was auch immer uns diese zu erzählen haben, und sei es, dass das Leben so ist wie es ist, eben ein Tollhaus, sie machen es auf sehr besondere Weise.

Und kamen mit einer höchst abenteuerlichen Gesellschaft in die Scheune, haben in der Bar „Zum blauen Schwein“ („au bleu cochon“) vorgeführt, wie sechs handgeschöpfte Typen mit ihren speziellen Macken keine Gelegenheit auslassen, sich gegenseitig in die Quere zu kommen. Wir erlebten sie beim variierten Versuch, anderen nah sein, sich potenziellen Partnern an die Brust, in die Arme zu werfen oder sich absolut unlösbar zu binden. Da gab es wunderbar gewitzte Szenen, zum Beispiel, wenn die beiden Frauen über höchst wichtige Dinge miteinander sprechen, und so ganz nebenbei auch noch die Annäherungsversuche der Männer abwehren.

Beim Gastspiel der Gruppe aus Jerusalem mit „Solar Plexus“ im Projekttheater fielen zunächst körperliche Besonderheiten auf. Eine der drei Frauen ist extrem klein, und das macht sie in beklemmender Weise zum benutzten Spielball der anderen, die ihre Fluchtversuche vereiteln und sie wie eine lästige Fliege an der Wand fixieren. Jeder sucht sich in dieser Hierarchie nächst Schwächere aus, um Dominanz zu zeigen oder von sich abzulenken, gibt Qualvolles weiter, will sich der Marter entziehen. Bis sich schließlich die Situation im schicksalhaften Wechsel ändert. Ein dicht und kraftvoll erzähltes Stück der Choreografin Maya Levy. Unausweichlich wird das Publikum hineingezogen in die auch musikalisch genau akzentuierten szenischen Abläufe, bekommt Impulse zum Nachdenken über Toleranz, Gewalt, Ausgrenzung, Stärke, Schwäche, Angst.

Vielseitig wie das Festival überhaupt und mit deutlicher Tanz-Lust bot sich die Tanz-Gala der etwas anderen Art im Schauspielhaus, von Boris Michael Gruhl wirkungsvoll konzipiert und sympathisch moderiert. An der dichten Auftrittsfolge über drei Stunden waren Tänzer aus den Ensembles und Theatern Sachsens wie auch freie Tänzer sowie Schüler aus dem „Chess Fever“-Projekt der Staatsoperette zu erleben, eine bemerkenswerte Arbeit von Silvana Schröder. Bis Ende Mai ist „Chess Fever“ noch mit drei Aufführungen in der Staatsoperette zu sehen.


Überhaupt war bei der Gala gut zu begreifen, dass eine kleine, bescheidene Bühne irgendwo oder ein glanzvoller, viel beachteter Auftrittsort mit erstrangig besetztem Ensemble auch nur die halbe Wahrheit ist. Es kommt immer noch auf die Art und Weise an, wie wir berührt, mitgenommen, inspiriert, bewegt werden, mit Tanz etwas ganz und gar Besonderes erleben. Und das hat nichts mit kleinen oder großen Häusern zu tun. Mehr mit Akzeptanz, Können, Herz, Verstand, Inspiriertheit.

Gabriele Gorgas
Fotos (4): G. Gorgas

11.05.2008Allgemein