„Ohne Worte“ – Zwei Gedenkkonzerte zum 13. Februar

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„Ohne Worte“ – Zwei Gedenkkonzerte zum 13. Februar

Jochen Kupfer (Foto: PR)

Der Tod Robert Schumanns, eines Freundes und Förderers von Johannes Brahms, wird oft in mit dem Beginn der Arbeit am „deutschen Requiem“ in Zusammenhang gebracht. Einen weiteren entscheidenden Impuls gab

der Tod der Mutter des Künstlers. Das Werk ist also weder textlich noch entstehungsgeschichtlich eine tatsächlich erfreuliche Sache, ganz zu schweigen vom Anlass des Konzertes zum Gedenken an die Dresdner Bombennacht. Umso angenehmer, wenn das musikalische Können der Künstler so überzeugt, dass man, wie bei dieser Aufführung in der Frauenkirche, den Ort trotzdem erbaut und gestärkt verlässt.

Durchweg harmonierten die etwa 150 Musiker des Frauenkirchenchors und des philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera unter der Leitung von Matthias Grünert miteinander, wenn auch teilweise die tiefen Männerstimmen zu sehr in den Hintergrund gerieten. Hinzu trat im dritten Satz („Herr lehre doch mich“) der Bariton Jochen Kupfer. Die Sopranistin Ute Selbig, eine geborene Dresdnerin, füllte mit ihrer Stimme die Kirche gänzlich aus und vermochte zudem, die Trauer in ein sanftes Trösten zu überführen.

Zwar beginnt das Werk ruhig und endet ebenso (auch textlich wird hier ein Kreis vollzogen); und doch gibt es Momente, in denen der Pfad der Trauer einer Totenmesse verlassen und euphorische Stimmung verbreitet wird, wie bei den Versen „und alle Herrlichkeit des Menschen / wie des Grases Blumen”, die von Chor und Orchester vehement intoniert wurden.

Dieses Konzert regte angemessen zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens an und fügte sich zudem insgesamt sehr gut in die weiche Akustik der Frauenkirche ein. Wäre der Anlass nicht derart bedrückend, könnte man sich auf eine Wiederholung im kommenden Jahr freuen.

Wieland Morgenstern

(Foto: M.M.)

Oft sind es nur Nuancen, die über Wohl oder Wehe einer künstlerischen Idee entscheiden. Das ambitionierte Vorhaben, zum 13. Februar ein Orgelkonzert in der Dresdner Kreuzkirche mit Ausdruckstanz vor dem Altar anzureichern und es durch eine Beleuchterfirma, die sonst Discos und Messeveranstaltungen bedient, effektvoll untermalen zu lassen, muss da ein heikles Unterfangen genannt werden. Groß schien die Gefahr, durch ein affektheischendes „zuviel“ ein schlichtes Gedenkkonzert anlässlich der Zerstörung Dresdens zu überfrachten.

Durch die kluge Dramaturgie des Abends, durch eine sensible Werkauswahl und die sehr bewusste Beschränkung aller Mittel haben sich die Mitwirkenden dieser Gefahr entzogen, mehr noch: sie haben einen Weg aufgezeigt, wie Erinnerung und Aufarbeitung in der künstlerischen Auseinandersetzung Hand in Hand gehen können.

Schon in den „Metamorphosen“ – der langjährige Kreuzorganist Herbert Collum führte dieses Werk erstmals zum 25-jährigen Gedenken der Zerstörung der Stadt auf – wurden Vernichtung und Verwüstung schmerzhaft hörbar. Klangschichtungen verdichten sich hier zu wilden Clustern; aus den Trümmern ragt schließlich ein Bittchoral.

Aus dem eigentlich abendfüllenden „Totentanz“, das der gerade dreißigjährige Herbert Collum, damals bereits seit zehn Jahren an der Kreuzkirche angestellt, direkt unter dem Eindruck der Zerstörung Dresdens schrieb, hatte Hans-Dieter Schöne sechzehn charakteristische Variation ausgewählt. Friederike Rademann hat sie äußerst zurückhaltend choreographiert und sehr innig verkörperlicht. Bereits vor sieben Jahren haben die beiden Künstler diese Werkkombination im Rahmen des Projekts „Dresdner Totentanz“ gemeinsam aufgeführt. Sensibel illuminiert wurden die einzelnen Variationen von der Firma Starlight Event, so dass der Eindruck einer Reihe statischer Bilder, quasi eines Kreuzweges der Stadt Dresden entstand. Die Angst vor den Angriffen, der quälende Schmerz, aber auch der Neubeginn hatten hier ihren Platz. Als die Tänzerin zum Choralthema „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“ im grauen Umhang still verharrte, so drängte sich die Erinnerung an das Schwarzweißfoto, das den Rathausengel über der zerstörten Stadt zeigt, geradezu schmerzlich auf. Für das Einfangen dieses ungeheuerlichen Moments allein wäre höchster Respekt zu zollen; mithin geschah das an diesem Tag traditionell ohne Applaus. Die Jehmlich-Orgel verstummte, Licht allein schien noch durch das große runde Alterfenster der Kirche – man hätte gut noch eine Weile nachsinnen können über diese Stadt und die Verantwortung, die ihre Bewohner heute haben.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in: “Dresdner Neueste Nachrichten”, Ausgabe vom 15.02.2008. Ich danke dem Verlag für die freundliche Nachdruckgenehmigung.

16.02.2008Allgemein