„Die Diskussion lässt Sachverstand und Information vermissen“ – Fabio Luisi und Jan Nast über den neuen Dresdner Konzertsaal

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„Die Diskussion lässt Sachverstand und Information vermissen“ – Fabio Luisi und Jan Nast über den neuen Dresdner Konzertsaal

„Vorsichtig optimistisch“ war der Intendant der Dresdner Philharmonie vor Weihnachten, dass sich in Sachen „Neuer Konzertsaal für Dresden“ bald etwas tun werde (siehe auch das Interview mit Anselm Rose). Nun liegen tatsächlich neue

Vorschläge auf dem Tisch; die Stadtverwaltung plane „Ein neues Klangwunder im alten Haus“, berichtete die Sächsische Zeitung am 21.1.2008. Fabio Luisi, Generalmusikdirektor der Sächsischen Staatskapelle Dresden, und der Orchesterdirektor Jan Nast setzen sich nach wie vor mit aller Kraft für einen gänzlich neuen Konzertsaal ein – und vermissen vor allem eine vernünftige, mit Sachverstand geführte Diskussion. Martin Morgenstern hat Fabio Luisi und Jan Nast für Musik in Dresden befragt.

Herr Luisi, Herr Nast, erst kürzlich haben Sie sich erneut für einen ganz neuen Konzertsaal ausgesprochen, von dem die beiden ansässigen Orchester gleichermaßen profitieren würden. Nun prüft die Stadt jedoch auch andere Optionen. Wurde die Sächsische Staatskapelle in die städtische Diskussion bisher genügend einbezogen?

Jan Nast: Leider wurden wir bisher in keiner Weise in diese Thematik von Seiten der Stadtverwaltung und der Philharmonie eingeweiht. Seit nun zwei Jahren bin ich mehrfach auf den Intendanten der Philharmonie zugegangen, um ihm die Bereitschaft der Staatskapelle zu signalisieren, gemeinsam mit der Philharmonie für einen neuen Konzertsaal zu streiten. Involviert wurden wir allerdings nie!

Fabio Luisi: Die Staatskapelle wurde tatsächlich sehr wenig in diese Diskussion einbezogen. Ich habe das Gefühl, dass man sehr wohl weiß, dass die Ansprüche der Staatskapelle und meiner Person sehr hoch sind, und dass Kompromisse uns nicht gut gefallen. Zudem gab es keine wirkliche Diskussion, sondern es entsteht der Eindruck, dass alles schon entschieden sei. Dass ein umgebauter Konzertsaal besser sei als gar keiner ist, ist ein Scheinargument und zeigt nur Kleinmut. Dresden hat die künstlerische Potenz und die Visionsfähigkeit, einen neuen Konzertsaal zu planen und zu bauen wie andere Städte auch! Man denke etwa an Essen, Turin oder Sapporo.

Kurt Masur hat sich verwundert gezeigt ob der momentan ablehnenden Haltung der Staatskapelle, was einen neuen Konzertsaal im Kulturpalast angeht.

Fabio Luisi:
Es geht ja nicht um Luxusdenken, sondern um die beste Möglichkeit für die Stadt Dresden und für das Land Sachsen. Wir sind nicht in einer kleinen Provinzstadt, in der man denkt: na gut, der umgebaute Stadtsaal kann auch für Konzerte herhalten. Dresden als Kulturstadt, als kultureller Leuchtturm – mit der Semperoper, den Museen, dem architektonischen Stadtbild – diese Stadt braucht einen echten, modernen, akustisch wie architektonisch wegweisenden Konzertsaal, dessen Neubau Platz für Ideen und Wagnisse erlaubt. Das gepriesene “Schuhkarton”-Modell kann da nur eine von vielen Ideen sein.

Die Diskussion lässt übrigens Sachverstand und Information vermissen: im vielzitierten Musikverein in Wien – sicher einem der besten Säle der Welt – kann man trotzdem gewisse stark besetzte Werke (wie zum Beispiel Mahlers 8. Sinfonie oder Schönbergs “Gurre-Lieder”) nicht adäquat aufführen. Das weiß Herr Masur genau.

Fotos (2): M. Creutziger

Jan Nast: Zunächst einmal waren wir etwas verwundert darüber, wie man Herrn Masur vor seiner Rede beim SemperOpernball völlig falsch informierte, dass Bestrebungen existieren würden, zwei Konzertsäle bauen zu wollen. Dies stand nie zur Disposition! Wir können nur noch einmal ganz deutlich sagen: Wir sind für einen architektonisch und akustisch erstklassigen Konzertsaal-Neubau im Zentrum der Sächsischen Landeshauptstadt, welchen wir selbstverständlich mit den Kollegen der Dresdner Philharmonie zusammen nutzen wollen! Wer auch immer Träger oder Betreiber des Konzertsaals sein wird – es wird kein Nutzungskonzept geben, das nur mit einem Hauptnutzer halbwegs seriös aufgestellt wäre. Dresdens Image als eine Kulturstadt von Rang und mit internationalen Ambitionen würde erheblich leiden, wenn wir es lediglich hinbekommen, den Kulturpalast umzubauen, wie gut auch immer der Saal im Inneren sein würde. Ein visionärer Neubau, wie zum Beispiel in Hamburg, hätte eine andere Aussage und wäre für die Stadtentwicklung wesentlich nachhaltiger.

Käme es denn tatsächlich dazu, dass die Stadt einen hervorragenden Konzertsaal in die Kulturpalasthülle setzt – wie wahrscheinlich ist es, dass die Dresdner dann über kurz oder lang auch die Staatskapelle dort hören werden?

Fabio Luisi: Eines muss man vorausschicken: weder die Musiker der Staatskapelle noch ich sind gegen einen Umbau des Kulturpalastes. Die originäre Funktion dieses Baus war und ist für Dresden wichtig, und dort können verschiedene “Events” stattfinden. Nebenbei gesagt, das könnte, nach einem vernünftigen Umbau, der ideale Standort für die Staatsoperette sein, auch für Konzerte von Unterhaltungsmusik. Daher begrüßen wir alle die Idee eines Umbaus. Nicht aber als Konzertsaal für Dresden und Sachsen! Die verschiedenen Auflagen, unter anderem die des Denkmalschutzes, erlauben aber nur begrenzte Möglichkeiten hinsichtlich Größe, Höhe, Materialien, Isolierung und so weiter. Diese Grenzen, die man in einem völligen Neubau nicht hätte, scheinen mir zu schwerwiegend, um am Ende einen wirklich erstklassigen Saal zu haben.

Außerdem scheint mir das Signal, das man damit aussendet, für Sachsen und für Dresden nicht richtig. Besser wäre es, die Erhaltung eines sinnvoll umgebauten Kulturpalastes auf der einen Seite und der Mut in die Zukunft zu sehen mit einem neuen, von einem Stararchitekten geplanten Konzertsaales auf der anderen. Das würde Dresden und Sachsen architektonisch wieder gute Schlagzeilen und eine positive Betrachtung der internationalen Presse bringen.

Jan Nast: Giuseppe Sinopoli und die Staatskapelle hatten Anfang der 90er Jahre treffende Gründe, wieder in die Semperoper zurückzuziehen. Ein Umbau wird immer ein Kompromiss sein. Wir sollten uns in Dresden für das Optimum einsetzen! Mittelmaß gibt es genug, und nur die Qualität im Umgang mit diesen Themen wird uns als Sachsens Landeshauptstadt von Mitbewerbern unterscheiden.

Herr Luisi, Herr Nast, vielen Dank für das Gespräch.

22.01.2008Interviews