„Ein Saal ist überfällig, der Standort sekundär“ – Anselm Rose im Gespräch

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„Ein Saal ist überfällig, der Standort sekundär“ – Anselm Rose im Gespräch

Ein immer wieder diskutiertes Dresdner Problem scheint momentan in den Hintergrund gerückt zu sein: die Stadt besitzt keinen akustisch befriedigenden Konzertsaal. Auch die Dresdner Philharmonie leidet sehr unter diesem Manko. Martin Morgenstern hat mit dem Intendanten des Orchesters, Anselm Rose, gesprochen.

Der Weltkulturerbestreit hat viele Dresdner Bürger, unter ihnen Kulturschaffende wie Hartmut Haenchen, Fabio Luisi, Roderich Kreile, Ludwig Güttler und auch Sie, Herr Intendant, Kraft und Zeit gekostet. Wer dann noch kämpfen mochte, hat sich für den Erhalt der bedrohten Dresdner Musikfestspiele stark gemacht. Nun ist fünf Jahre nach dem öffentlichen „Aufruf an alle Musikfreunde Dresdens, der Region und an die Gäste der Stadt“, einen neuen Konzertsaal für Dresden zu schaffen, von diesem Thema im Moment nicht mehr viel zu hören. Das dafür eingerichtete Spendenkonto verzeichnet seit mehreren Jahren keine größeren Zuwächse mehr. Können Sie uns auf den letzten Stand bringen?

Das Thema Konzertsaal verfolgt die Dresdner Philharmonie schon seit Jahrzehnten. Bereits Kurt Masur war klar: Der Kompromiss, einen Mehrzwecksaal haben zu müssen, führt dazu, dass die Akustik nicht ideal ist. Nach der Wende ist dies erneut auf die Tagesordnung gekommen. Letztendlich war dann geplant, den Kulturpalast zu entkernen und ein Oktogon einzubauen. Dann haben sich aber die politischen Verhältnisse verändert. Der Dirigent Marek Janowski verließ 2003 als Chefdirigent die Dresdner Philharmonie, weil man ihm die Lösung des Problems zugesagt hatte, aber nicht bereit war, zu diesem Versprechen zu stehen. Ich habe mich gemeinsam mit der Dresdner Philharmonie und der Initiative „Neuer Konzertsaal“ dieses Themas wieder angenommen. Es ist längst überfällig: Dresden braucht einen Saal mit einer hervorragenden Akustik, wie wir sie aus Tokio, New York, Wien, Berlin, Köln oder Luzern kennen. Die Chefdirigenten der beiden großen Orchester – Rafael Frühbeck de Burgos für die Philharmonie und Fabio Luisi für die Sächsische Staatskapelle – haben sich zu diesem Thema mehrfach und klar positioniert. Die Frage nach dem Standort ist zunächst sekundär.

Die wiedererstandene Frauenkirche hat das Problem zumindest für die Philharmonie nicht entschärft. Mit ihrer unerwartet problematischen Akustik bei großen Orchesterkonzerten trägt sie jedenfalls nicht zur glücklichen Lösung des Problems bei…

Nein. Sie macht eher noch deutlicher, dass Dresden immer noch keinen Konzertsaal hat. Sie hat eben eine absolute Kirchenakustik. Wenn wir dort spielen, zeigt der Besucherandrang aber, dass ein echter Bedarf nach einem guten Saal besteht. Nehmen Sie das Beispiel Essen: Hier wurde eine größere Nachfrage quasi mit dem neuen Saal generiert.

Eine Anzahl Dresdner Kulturschaffender hat 2002 eine parteiunabhängige "Initiativgruppe Neuer Konzertsaal der Dresdner Philharmonie" gegründet, an deren Seite damals Marek Janowski, Peter Schreier, Theo Adam, Peter Rösel, Wilfried Krätzschmar und andere standen. Wissen Sie, wie die aktuellen Pläne und Ziele dieser Runde aussehen?

Die Runde existiert noch. Sie hat sich personell und fachlich erweitert und treibt das Thema insbesondere politisch voran.

Die große Sanierung des Kulturpalastes soll ja schon 2009 erfolgen. Sind die Pläne dafür nicht schon relativ festgezurrt? Und glauben Sie wirklich, dass sich in dieser Sache vor der Oberbürgermeisterwahl 2008 und der sächsischen Landtagswahl 2009 noch irgendein Politiker zu Aussagen in dieser Richtung hinreißen lassen wird?

Aufgrund der jüngsten Entwicklungen habe ich Anlass, vorsichtig optimistisch zu sein.

Sind Sie denn mit dem Stadtrat über die Optionen im Gespräch?

In meiner Amtszeit ist es mir bisher sehr wichtig gewesen, die Rolle der Dresdner Philharmonie als Orchester der Landeshauptstadt Dresden zu betonen, das qualitativ höchstwertige und abwechslungsreiche Programme spielt und von den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt als Sympathieträger wahrgenommen wird. Das drückt sich für mich unter anderem darin aus, dass wir regelmäßigen Kontakt zu Kommunalpolitikern haben und ein Austausch stattfindet.

Konkret gefragt: Welches akustische Saalkonzept strebt die Philharmonie denn an? Auf Ihrer Internetseite ist das Bild eines Oktogonentwurfes zu sehen; darunter spricht sich Karsten Blüthgen in seinem Artikel „Konzertsäle im Vergleich“ jedoch eher für die klassische „Schuhschachtel“-Form aus. Ihr Räumlichkeitseindruck sei unübertroffen. Welche Form favorisieren Sie?

Noch ist völlig offen, wie der Saal aussehen soll. Es geht primär darum, wie ein akustisches Optimum erreicht werden kann. Was die Größe angeht, sprechen wir hier ohnehin von einem Maximum von 2.000 Plätzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Foto: F. Höhler)

05.12.2007Interviews