Die Tradition respektieren und gleichzeitig Neues wagen

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Die Tradition respektieren und gleichzeitig Neues wagen

Mit einem musikalisch ambitionierten Programm hat Fabio Luisi im September sein neues Amt als Generalmusikdirektor der Sächsischen Staatskapelle angetreten und so bereits einige der inhaltlichen Eckpunkte seiner zukünftigen Arbeit in Dresden abgesteckt. Die Herausforderung ist groß: es gilt, den berühmten Klang der bald 460 Jahre alten "Wunderharfe", die im April als erstes Orchester überhaupt in Brüssel mit dem Europäischen Preis zur Bewahrung des musikalischen Weltkulturerbes ausgezeichnet wurde, zu pflegen. Gleichzeitig will Luisi aber auch den traditionellen Repertoire-Schwerpunkten – allen voran Richard Strauss und seinen Zeitgenossen – behutsam neue, vor allem modernere hinzuzufügen, ohne das alteingesessene Konzertpublikum zu verschrecken. In diesem Zuge hat der Dirigent die Stelle des "Capell-Compositeurs" wiederbelebt; ein Amt, das schon Johann Sebastian Bach bei der einstigen Hofkapelle innehatte. Für diese Saison wurde der Titel Isabel Mundry verliehen. Ziel sei es, erklärte Luisi, Komponisten für eine längere Zeit an das Orchester zu binden, die sich mit dem spezifischen Klang des Ensembles auseinandersetzen und Werke schaffen, die dann im Rahmen der Orchesterkonzerte uraufgeführt werden. Mundrys erste Komposition im Rahmen ihrer Anstellung als Capell-Compositrice, das etwa fünfzehnminütige Werk "Balancen", das mit der Zeitwahrnehmung des Zuhörers experimentiert, indem drei räumlich voneinander abgegrenzte Orchester bestimmte Klänge verorten und gleichzeitig "entzeitlichen", brachte Luisi bei seinem Antrittskonzert zur Uraufführung.

"In Dankbarkeit gewidmet" ist der Staatskapelle übrigens schon die bildgewaltige Alpensinfonie, die Richard Strauss im Jahr 1915 mit der Kapelle bei einem Berliner Gastspiel uraufführte (schien ihm sogar die Dresdner Semperoper zu klein für das neue Riesenwerk?). Sie kam nun im Rahmen des ersten regulären Sinfoniekonzerts der Saison zur Aufführung und war danach Teil des umfangreichen Tournee-Programms, das die Staatskapelle im September in Berlin, Warschau, Wien, Turin, Essen, Frankfurt und Paris präsentierte. Und auch, wenn sich die Tagespresse in diesen Tagen fast ausschließlich mit demjenigen Konzert der Tournee auseinandersetzte, das überhaupt nicht stattfand (siehe nebenstehendes Interview): musikalisch war die Reise ein überzeugender Einstand für den neuen Maestro. Besonders in den größeren Sälen, etwa dem 2200 Plätze fassenden Agnelli-Auditorium in Turin, entfachte das Orchester einen sinfonischen Klangrausch von Sonnenauf- bis –untergang. Luisi erwies sich als umsichtiger Führer und bändigte klug die überbordende, bisweilen nah am Kitsch entlangschrammende Bildersprache des Werkes.

Ähnlich aufklärerisch ging der Dirigent mit dem “Heldenleben” um, das neben zwei Beethovenschen Klavierkonzerten (mit der Solistin Hélène Grimaud) und Edgard Varèses „Arcana“ ebenfalls Teil des Tourneeprogramms war. Den pompösen Schluß der programmatischen Komposition strich Luisi zugunsten einer ungedruckt gebliebenen Originalfassung, die das Werk quasi im engsten privaten Kreis schließen lässt, nämlich in inniger Sexten-Zweisamkeit von Horn und Solovioline. Ein genialer Handstreich, wirkt der biographische Bilderbogen doch dadurch viel schlüssiger – die mythisch-überglänzte Ruhmesfeier, von Strauss selbst als “Staatsbegräbnis” verspottet, bleibt dem Protagonisten erspart.

Man mag dies auch als “Dresdner Programm” des 1959 in Genua geborenen Dirigenten lesen: mit Respekt vor der langen Tradition des Orchesters die gewohnten Rituale zu hinterfragen, ist dringend geboten, soll das Konzertpublikum nicht weiter vergreisen. Deshalb hat Luisi beispielsweise das bestehende Jugendprogramm, die “Kapelle für Kids” zur Chefsache gemacht: persönlich wird er zukünftig die Geschicke der Publikums-Nachwuchsarbeit leiten und im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten der Semperoper auszubauen suchen.

Aber auch international will Luisi das Orchester noch selbstbewusster aufstellen: man will künftig jedes Jahr in der New Yorker Carnegie Hall zu Gast sein, öfter in London spielen und auch den arabischen Raum erschließen. Auf einer sechzehntägigen Japantournee von Staatskapelle und Opernchor im November stehen neben Mahlers Zweiter Sinfonie der „Rosenkavalier“, „Tannhäuser“ und „Salomé“ auf dem Plan.

Zu Hause steht der neue Generalmusikdirektor der Staatskapelle vor einem alten Problem: der Stadt, die problemlos das Publikum für zwei erstklassige Orchester aufbringt, fehlt der Wille zum Bau eines adäquaten Konzertsaals. Gut: die wiedererstandene Frauenkirche hatte der Diskussion einigen Druck genommen; schon während der Bauphase hatte die Staatskapelle hier Konzerte veranstaltet. Ein Adventskonzert, das bundesweit im Fernsehen übertragen wird, ist etwa inzwischen zur schönen Tradition geworden. Nun ist jedoch auch dieser Kirchenraum entgegen aller anfänglichen Euphorie derjenigen, die sich noch an eine überirdisch schöne Akustik zu erinnern meinten, mit seinen sechzig Metern Höhe klanglich äußerst schwer zu bändigen. Eine wirkliche Alternative für die Staatskapelle, die ihre Konzertprogramme momentan im Bühnenkasten der Semperoper spielt, die ihrerseits seit langem am Auslastungslimit operiert, ist die Kirche nicht. Um neue Zielgruppen für innovative Konzertprogramme zu erschließen, um die Jugendprogramme auszubauen, ohne dafür andere Ideen aufgeben zu müssen, bedarf es in Dresden eines neuen Konzertsaals, das machten Luisi und der Intendant der Semperoper, Gerd Uecker, auf der Antrittspressekonferenz zur Europa-Tournee deutlich. Hier müssten das Land Sachsen und die Stadt Dresden (als Träger der Dresdner Philharmonie, die immer noch einen akustisch eigentlich undiskutablen Multifunktionssaal im so genannten “Kulturpalast” bespielt) eben endlich einmal aufwachen. Nun wird das Dilemma zwar demnächst wieder einmal auf der Tagesordnung des Stadtrats stehen; aber nicht nur dort scheinen beim Thema “Weltkulturerbe” im Moment viele Politiker nur an Fledermäuse zu denken…

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift "Das Orchester", Ausgabe 11/07. Ich danke dem Verlag Schott Music, Mainz, für die freundliche Nachdruckgenehmigung. (Foto: Morgenstern)

02.11.2007Features